Kopf des Tages: Ein Grieche namens Otto

4. Juli 2004, 18:31
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Eigentlich hätte Karel Brückner mit den Tschechen im Finale der Fußball-EM und auch an dieser Stelle stehen sollen

So ist der Fußball. Eigentlich hätte Karel Brückner, den sie seiner weißen Haare wegen nach Winnetous Lehrmeister "Klekih-petra" nennen, mit den Tschechen im Finale der Fußball-EM und auch an dieser Stelle stehen sollen. Doch dann wurde ein Grieche namens Dellas vom Ball am Kopf getroffen, der Ball ging ins Tor, und darum steht jetzt Otto Rehhagel dort und hier.

Auch Rehhagel hat schöne Spitznamen, "Rehhakles" drängte sich auf, "Ottokrates" lag auf der Hand, "König Otto" erinnert auch an jenen Spross der Wittelsbacher, der 1832 bis 1862 in Griechenland herrschte. Von einer "Heldensage" war die Rede, als sich der deutsche Trainer mit Griechenland für die EM-Endrunde qualifizierte. Nun haben die Griechen nach Frankreich auch Tschechien besiegt, im Finale am Sonntag wird die Eröffnungspartie neu aufgelegt, die Portugal mit 1:2 verlor.

Daheim in Griechenland wollen sie Rehhagel (65) zum Ehrenbürger ernennen. Daheim in Deutschland wollen sie ihn als Teamchef verpflichten, Rehhagel sagt zwar, er möchte seinen bis 2006 laufenden Vertrag erfüllen, doch vielleicht schütten ihn die Deutschen mit Geld zu.

Eine gewisse Genugtuung kann und will Rehhagel seit EM-Beginn nicht verbergen. Er könne nur mit Werder Bremen Meister werden, schrieben und sagten die Deutschen, als er in München erfolglos blieb. Dass er dann noch mit Kaiserslautern gewann, ignorierten viele, doch nun kann an Rehhagel niemand mehr vorbei. Sein Stammverein in Essen war der TuS Helene, der sich nach wie vor mit einem "l" schreibt, acht Jahre lang spielte Rehhagel in der Bundesliga, doch erst als Trainer machte er sich einen Namen.

Im August 2001 trat Rehhagel in Athen an, er vereinte Interessen, überredete Superstar Nikolaidis zum Comeback, machte Legionäre, die bei ihren Klubs über ein Reservistendasein nicht hinauskamen, zu Stammspielern im Team. Nebenbei beeindruckte Rehhagel die Griechen, indem er ihre Hymne lernte (nur eine, nicht alle 158 Strophen). Im Training und in Pressekonferenzen steht und sitzt ihm Kotrainer Ioannis Topalidis als Dolmetsch zur Seite.

Selbst Journalisten gegenüber gibt sich Rehhagel im Gegensatz zu vielen stoischen Kollegen oft temperamentvoll. In Portugal legte er einen denkwürdigen Auftritt hin, als er sich über schwarze Tornetze alterierte. "Da sieht man doch gar nicht mehr, wie sich das Netz bauscht! Das kann keinem Fußballer, das muss einem Funktionär eingefallen sein! Da müssen wieder weiße Netze her! Fußball ist doch kein Trauerspiel!"

Nach der Vorrunde flog Rehhagels Ehefrau Beate nach Portugal. Doch aus gemeinsamem Sightseeing ist, weil ein Grieche namens Dellas von einem Ball am Kopf getroffen wurde, jetzt nichts geworden. Und weil so der Fußball ist. (DER STANDARD, Printausgabe, Kommentar, Samstag, 3. Juli 2004)

von Fritz Neumann
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    Otto Rehhagel

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