Kommentar: Der Fußball und die Poesie

5. Juli 2004, 00:02
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Oder: Am Rande eines Spielfelds... - Beobachtungen und Erinnerungen unter dem Eindruck des EM-Semifinales Griechenland gegen Tschechien - Von einer Autorin, der in den letzten Tagen die Übertragungen aus Portugal wichtiger waren als jene vom Bachmann-Preis

Es gibt ein Foto, das mich als Einjährige auf den Knien meines Vaters zeigt, und wir befinden uns am Rande eines Spielfeldes. Nun ist das per se noch nichts Besonderes, doch mein Vater war nicht einfach irgendein Fußballanhänger, er war viel mehr. Er war Trainer. Er trainierte die Jugendmannschaft des Wiener Sportklubs und spielte in den 1930er Jahren auch eine Zeit lang in der Nationalmannschaft. So etwas prägt, selbst zwischenzeitliches Nichtbeachten von Fußball, als man revoltierte und gegen alles war, was von den Eltern kam, ändert daran nichts.

Die meisten meiner frühen Erinnerungen sind eng mit Fußball verwoben, denn das war Teil meines Lebens. Mein Vater war entweder beim Training oder er ging zum Training oder er kam vom Training. War nichts davon der Fall, so ging er trotzdem auf den Sportplatz, denn dann waren die Spiele, die er ja ansehen musste und wollte (niemand bei uns sagte übrigens Fußballplatz, und Sport war lange Zeit für mich Synonym für Fußball), und des öfteren nahm er mich dann mit. Ich war drei bis fünf Jahre alt und bekam einen Sportclub-Schal, schwarz-weiß, den ich mit großem Stolz trug.

Vom Sportplatz selbst weiß ich nicht sehr viel, aber in meiner frühen Erinnerung gibt es Männerstimmen, die durcheinander reden, rund um mich stehen Fußballerbeine, darunter prominente Wadeln, darüber gibt es Dressen mit Zeichen, ganz weit oben Köpfe, mitten darin mein Vater, ich dicht neben ihm, und meine Hand hält sein Hosenbein, denn er brauchte seine beiden Hände zum Reden. In meiner Kindheit war der Name Erich Hof, einer seiner liebsten Fußball-Schüler, für mich so normal wie der meiner Tante Mizzi.

Die Mutter der Brüder Hof war Italienerin und besaß einen Eissalon am Ring. Einmal, ich war drei oder vier, ging mein Vater mit mir dorthin. Mamma Hof war entzückt und verwöhnte die Bambina mit einem wahrhaft atemberaubenden Eisbecher, dessen Inhalt sich in meiner Augenhöhe türmte und zu dem ich mit dem Löffel - der erste Eislöffel, den ich je zu Gesicht bekam - kaum hinauf reichte. Derselbe Vater ging mit mir aber auch an Sonntagen in die Stadt und zeigte mir unter anderem das Burgtheater.

Einmal besuchte uns eine Frau von der Mütterberatung, der ich eröffnete, wenn ich groß sein würde, ginge ich mit meinem Papa ins Burgtheater. Ich war zweieinhalb, die Dame schwer erschüttert. Später ging mein Vater tatsächlich mit mir dorthin, zwar war ich noch nicht groß, doch immerhin elf, wir sahen "Der Bauer als Millionär" mit Attila Hörbiger, und es gefiel uns über die Maßen.

Wie geht das zusammen, die glitzernde, gleißende Traumwelt des Theaters mit dem gleichen Enthusiasmus zu bewundern wie Erich Hofs Klasse? Ist Fußball womöglich eine poetische Angelegenheit? Ich behaupte, ja!

Allein der Name "Weißes Ballett" für Real ist pure Poesie. Simmering-Kapfenberg, na gut, vielleicht eine etwas eigenwillige Interpretation des Begriffes, allein, auch sie haben Eingang in die Poesie gefunden, denn was anderes war Helmut Qualtinger denn ein Poet? Und Panenkas elegante Überheber gehören zweifellos in ebendiese Kategorie (zu schweigen von seinem berühmten leichten Elfmeter im EM-Endspiel 1976, der jetzt in Portugal einen Epigonen fand).

Und dann die Geschichten, die mein Vater erzählte: Als Bub in den zwanziger Jahren kickte er auf der G'stätten mit dem Fetzenlaberl. Mit achtzehn war er beim Sportklub, man schrieb 1933, und der Verein ging auf Tournee, so nannte man das damals. Sie waren eingeladen von Vereinen in Ostindien, auf Java, Sumatra, Borneo, auch auf Ceylon, und fuhren mit dem Schiff dorthin, von Marseille aus, durch den Suezkanal, das Rote Meer, den Indischen Ozean, und wenn mein Vater davon erzählte, entstand eine Welt vor mir und für mich, so reich an Farben, Düften, Tönen und Gefühlen, wie sie reale Bilder niemals schaffen können. - Unzählige Male wollte ich es hören, und stets bedauerte ich, dass er seinen Tropenhelm bei der Rückkehr in Marseille ins Meer geworfen hatte, ich hätte ihn doch so gerne aufgesetzt . . .

Ich bedauerte ebenso, dass er keines der luxuriösen Eisdesserts gegessen hatte, die beim Abendessen serviert wurden, als die Mannschaft zu Gast in verschiedenen Häusern holländischer Plantagenbesitzer war, was ich mir genau beschreiben ließ. Doch er erzählte mir auch, wie an einem jener Abende ein malayischer Boy einen Brief hereinbrachte, und wie er sich dem Hausherren auf Knien rutschend näherte und die Nachricht hinaufreichte, während er zu Boden gebeugt verharrte. Das konnte mein Vater nicht fassen, auch dreißig Jahre später nicht, und seine Erschütterung teilte sich mir jedes Mal mit, wenn er erzählte.

Es gab noch ein drittes Element gleichwertig neben Fußball in den frühen Jahren: die Oper. Meine Mutter fügte es ein. Sie war und ist hierin Expertin, war und ist es aber zugleich im Fußball, ohne freilich die Literatur zu vernachlässigen, was dazu führt, dass sie von Zeit zu Zeit feststellt, Handkes Buch trage einen vollkommen falschen Titel, es müsse heißen "Die Angst des Schützen beim Elfmeter", denn der habe in Wahrheit die Angst, was ja auch dieser Tage erst wieder von Doktor "Schneckerl" im TV-Fußball-Seminar bestätigt wurde . . .

Im vorigen Sommer war ich nach Jahren wieder in Wien und fuhr über den Schottenring. Der Eissalon Hof war noch da. Unverändert. Ich bekam Heimweh, als ich ihn sah. Ich frage mich, ob er noch Hof heißen mag. Erich Hof, Inbegriff des technisch hochklassigen Spielers und einer der genialsten Fußballer die Österreich je hervorgebracht hat (Zitat Sportklub), gibt es jedenfalls nicht mehr. Und mein Vater hat sich bereits vor dreißig Jahren verabschiedet. Sein Grab liegt auf dem Hernalser Friedhof. Weit oben. Man blickt genau hinunter auf den Sportklubplatz.

Ob meinem Vater allerdings gefällt, was er allenfalls dort unten sieht, weiß ich nicht. Auf der Website des Sportklub fand ich seinen Namen nicht, was mir nahe geht, denn er hat die Jugend mit Leidenschaft trainiert und aufgebaut, und Fußball war sein Leben. Aufregen wird ihn das, wo immer er sein mag, allerdings (obwohl er heftig in Rage geraten konnte) nicht, so wenig, wie es Schiedsrichterentscheidungen taten. Denn, wie ich schon als Kind von ihm lernte: Der Schiedsrichter hat immer recht. Poesie auch das. Und last not least: mein Vater hieß Franz Vavra. (DER STANDARD, Printausgabe, Kommentar der anderen, Samstag, 3. Juli 2004)

*Marie Laurenti, geboren 1955 in Wien, Lyrikerin, lebt in Gmunden; im Vorjahr erschien bei Haymon ihr erster Lyrik- band "Die Pole frosten meinen Traum"; Text leicht gekürzt.

Marie Laurenti*
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