Die Gäste tragen Gewehre

13. Juli 2004, 17:55
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In Bagdad hat der historische Tag keine Spuren hinterlassen - Viele Iraker trauen der Ruhe noch nicht - Ein Stimmungsbericht

Im Geschäft von Thaer ist es stickig heiß. Der junge Schiite führt im Stadtteil Karada einen Laden mit Kühlgeräten aus Japan und Taiwan. Aber es gibt wieder einmal keinen Strom, und so sorgt nicht einmal ein Ventilator für etwas Luft bei Außentemperaturen von 45 Grad. "Ob die neue Regierung am 25., am 28. oder am 4. Juli ihr Amt antritt, das macht für uns keinen Unterschied. Das ist nur eine Formalität. Die Verbrecher und Terroristen werden sich erst ein Bild machen und sehen, ob Polizei und Armee stark oder schwach sind. Sie können heute zuschlagen oder erst in ein paar Monaten", erklärt der Händler und bedient seine Kunden.

In den Tagen nach dem offiziellen Ende der Besetzung deutet nichts in Bagdad auf historische Veränderungen hin. Der Verkehr ist dicht, wie an allen Tagen. Geschäfte und Banken sind normal geöffnet. Die Betonsperren sind unverändert, einzig am Firdous-Platz, wo nach dem Fall des Regimes die Saddam-Statue vom Sockel gezerrt wurde, hat die US-Armee ein paar Hundert Meter Stacheldraht weggerollt und eine Fahrbahn wieder geöffnet.

Schlangen bei Tankstellen wieder länger

Etwas fällt doch auf: Die Schlangen vor den Tankstellen sind wieder länger geworden. Viele trauen der Ruhe doch nicht und decken sich ein: mit Benzin - nicht nur für Autos, sondern vor allem für Generatoren, mit denen die Stromausfälle notdürftig überbrückt werden.

Die Einwohner gehen ihrem gewohnten Alltag nach. In B Town, der ersten Shopping Mall von Bagdad, die im vergangenen Spätherbst nach einem Vorbild in Amman eröffnet worden ist, sind nur wenige Kunden. "Die Entwicklung geht nur langsam, Schritt für Schritt. Wir sind hier im Irak mit all seinen Schwierigkeiten, vor allem der mangelnden Sicherheit", entschuldigt ein Mall-Angestellter die unfertige Auslage im ersten Stock.

Machtübergabe "ein gutes Zeichen"

Die junge Laila schaut sich mit einer Freundin das reichhaltige Angebot an. Sie ist in guter, aufgeräumter Stimmung. "Ich bin zuversichtlich, dass das ein guter Anfang auf dem Weg zu einem demokratischen, prosperierenden Irak ist. Vor allem die Tatsache, dass es in der ersten Nacht nach der überraschenden Machtübergabe ruhig geblieben ist, ist ein gutes Zeichen", sagt die Angestellte einer amerikanischen Firma. Wie an jedem Montagabend waren auch an diesem Montagabend mehrere hupende Hochzeitsgesellschaften in der Stadt unterwegs. Der Montag, die Mitte der islamischen Woche, ist ein traditioneller Hochzeitstag. Das blieben aber auch die einzigen Freudenausbrüche in Bagdad am Tag der Übergabe.

Nur die neue irakische Polizei zeigt verstärkt Präsenz. Jeden Abend fährt ein ganzer Konvoi aus insgesamt sechs Fahrzeugen mit aufgepflanztem Maschinengewehr mit lautem Sirenengeheul durch das Stadtzentrum. "Die Polizisten müssten aber noch entsprechende Kompetenzen haben - zum Beispiel sofort schießen zu dürfen, wenn sie Diebe sehen", findet der Bagdader Arzt Abu Omar. Den Iraker macht vor allem die alltägliche Kriminalität zu schaffen, viel mehr noch als die terroristischen Anschläge.

Martialische Demonstrationen

An den Ausfahrtsstraßen veranstaltet das irakische Militär martialische Demonstrationen mit zahllosen Checkpoints. "Es gibt einen ausgeklügelten Sicherheitsplan für Bagdad mit 18 kontrollierten Einfallstoren. Aus diesem Grund konnte Premier Ayad Allawi die formale Übergabe der Souveränität auch um 48 Stunden vorziehen", meint Ibrahim Zayer, Herausgeber der Bagdader Tageszeitung al-Sabah al-Jadid im Gespräch.

Aber auch die Amerikaner zeigen sich weiterhin und patrouillieren mit ihren Humvees durch die Geschäftsstraßen des Zentrums, was jedoch bei den Einheimischen nur Kopfschütteln auslöst. Wie sich das Verhältnis zwischen Irakern und ausländischen Truppen jetzt gestaltet, hat der Karikaturist von al-Sabah al-Jadid in einer Zeichnung treffend festgehalten. Ein Iraker kniet mit verbundenen Augen am Boden. "Wer sind Sie?", fragt er den Soldaten, der das Gewehr auf seinen Hinterkopf gerichtet hat. "Wir sind die Gäste", antwortet ihm der Amerikaner.

"Amerikanische Ideen sind Irakern fremd"

Die Iraker, die sich äußern, erwarten sich fast alle von der neuen Regierung, dass sie sich durch Arbeit profiliert. "Autorität kann man nicht einfach auf jemanden übertragen", sagt der Schriftsteller Adel Abdullah, Direktor des privaten Mesopotamia Kulturzentrums im Gespräch. "Autorität entsteht aus der Geschichte, dem Geist der Nation und den Gedanken der Menschen. Amerikanische Ideen dagegen sind Irakern fremd." Oder einfacher gesagt: Die neue irakische Regierung muss sich erst durch ihre eigenen Leistungen die Anerkennung der eigenen Bevölkerung erarbeiten.

Noch mehr gilt die Skepsis freilich aber den Amerikanern. "Ich bin überzeugt, die US-Truppen werden noch lange im Irak bleiben. Bush ist gewillt, seine Vorstellung von einem neuen Mittleren Osten umzusetzen. Aber niemand liebt die Besetzung", sagt der bekannte Maler Qassim al-Sabti in der Galerie Hiwar, einem beliebter Treffpunkt für Künstler und Intellektuelle. Die formale Rückgewinnung der Souveränität empfindet er dennoch als einen wichtigen Schritt. Er ist überzeugt, dass das alte Kulturvolk auch diese Krise meistern wird.

Schonfrist

Die meisten Iraker geben notgedrungen der neuen Übergangsregierung erst einmal eine gewisse Schonfrist. "Was bleibt uns denn anderes übrig, als ihnen eine Chance zu geben, wo wir doch ihre Mitglieder noch gar nicht kennen", meint der Geschäftsmann und ehemalige Privatbankier Abdul Muhsin Shanshal. "Wir werden ihnen Zeit geben um zu arbeiten und auch helfen, eine positive Atmosphäre zu schaffen. Aber eine Carte blanche erhalten sie nicht; offensichtliche Fehler werden wir dennoch kritisieren", umschreibt auch Herausgeber Zayer die Haltung seiner Zeitung. Wie lange dieser Honeymoon allerdings dauern wird, das vermag in Bagdad niemand zu sagen. (ALBUM, DER STANDARD, Printausgabe, 3./4.7.2004)

Von Astrid Frefel
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    Verhaftungen nach einer Razzia in Tikrit.

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    Das Leben geht weiter auf den Trümmern des Hussein-Regimes: Am 29. Juni 2004, dem Tag der Wiedergewinnung der Souveränität, marschieren frisch rekrutierte Iraker in ein Trainingslager der Irakischen Bürgerwehr (Iraqi Civiel Defence Corps), um mehr Sicherheit zu gewährleisten.

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    Am Tag nach der Machtübergabe an die Iraker.

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    Bagdad: Spielen vor einem zerschossenen Bild des Ex-Diktators Saddam Hussein.

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