Die integrative Kraft des Balles

4. Juli 2004, 18:40
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Am Sonntag gegen Mitternacht wird auch für Griechenland die EM vorbei sein - Der Außenseiter, den sie seit Wochen daheim erwarten, hat zuvor noch das Finale gegen Gastgeber Portugal zu erledigen

Die Griechen haben keine Scheu, sich zu ihrer Nation zu bekennen. Die zwei Nationalfeiertage symbolisieren nicht zuletzt Widerstand: Der Beginn des Aufstandes gegen die Türkenherrschaft (25. März 1821) und das "Nein" gegen den Einmarsch der faschistischen Truppen Mussolinis (28. Oktober 1940). Ein "Ja" zur Nation fällt dem Griechen nicht schwer. Die Fußballnationalmannschaft war von diesem Stolzsein auf das Land allerdings ausgeschlossen - bis der Deutsche kam.

Der größte Sieg der Griechen vor der EM sei der Sieg gegen die Perser gewesen, sagte Gary Lineker vor wenigen Tagen bissig und meinte wohl die Seeschlacht von Salamis 480 vor Christus. Vor dem Anpfiff in Portugal war nichts von Massenhysterie über die griechischen Kicker und ihren Coach Otto Rehhagel zu spüren. Man witzelte höchstens darüber, wie viele Tore die Hellenen im Laufe des Turniers kassieren würden.

In der Hauptstadt beispielsweise gab es für die Fußballfans ohnehin streng abgegrenzte Lager: Man definierte sich als Familienmitglied von Olympiakos, Panathinaikos oder AEK. "Griechische" Anhänger gab es keine. Jetzt werden die Vereinshymnen übertönt von der Nationalhymne, die zum Sommerhit geworden ist. Plötzlich sieht man Mädchen, Rentner und Kinder auf den Straßen in T-Shirts mit der blauweißen griechischen Flagge stolzieren. Die unüberwindliche Mauer zwischen den Vereinen hatte ein reales und schmerzhaftes Pendant auch in der Realität. Griechenland war nach dem Zweiten Weltkrieg für Jahrzehnte politisch gespalten. Ein Bürgerkrieg zwischen Linken und Rechten trieb einen Keil in die Gesellschaft. Die Gegenbewegung begann spürbar erst Anfang der 80er Jahre. Der Prozess der Aussöhnung wurde jetzt offensichtlich fußballerisch nachgeholt und abgeschlossen. Die individuell gesetzten Grenzen im Sport wurden aufgeweicht und formten sich an der Nationengrenze neu. Griechinnen und Griechen mutierten zur Fußballgemeinde. "Jeder Grieche braucht seinen Deutschen", heißt ein leicht modifizierter, aktueller Werbeslogan. Die griechischen Zuschauer auf den Tribünen in Porto nahmen ihn ernst. Als Gewand die Nationalflagge und auf dem Kopf ein preußischer Helm. Kreative Europäisierung also mit Hilfe von Otto Rehhagel. Zuerst nur Trainer, dann König und Kaiser und jetzt dreizehnter Gott im Olymp. Er schaffte in Portugal die Sensation und führte sein Team mit dem 1:0 über die Tschechen in das Finale.

Die Übernahme der Trainerfunktion durch einen Deutschen hat die Dinge "dramatisch verändert", kommentiert eine Wirtschaftszeitung (!) - es hielten die viel strapazierten deutschen Tugenden "Disziplin und Organisation Einzug". Das Europäisierungsexperiment hat sich bewährt, und es ist "ein Beispiel dafür, wie wir unser Balkan-Syndrom überwinden können".

So sehen es die Hellenen, die wohl auch in den Augen des Auslands mit ihren Erfolgen auf dem Rasen balkanisches Flair annehmen werden, ob sie wollen oder nicht. Auch der Musiker Mikis Theodorakis war gerührt: "Der Erfolg unserer Nationalmannschaft ist ein glücklicher Zufall." Der weltberühmte Komponist spielte auf die Olympischen Spiele an, die in 40 Tagen beginnen. Das Mega-Event wird ebenfalls als eine "nationale Anstrengung" propagiert, das den Griechen aber bisher keine Begeisterungsstürme entlockt.

Die Erfolge der Fußballnationalmannschaft könnten den berühmten "Ruck" bringen, sich emotional zu identifizieren. Griechenland ist das bisher kleinste Land, das Olympische Sommerspiele veranstaltet. Was die Organisatoren und die Politiker nicht wirklich zu vermitteln mochten, dieses überzeugte "Wir schaffen es"-Gefühl, haben ihnen die Kicker vorexerziert und dem Volk eingeimpft. Und endlich - so ein Kommentator - "haben wir eine Nationalmannschaft, aber wir haben keinen griechischen Fußball. Unser größter Triumph fällt in eine Zeit des absoluten Bankrotts des Profisports in Griechenland." Das kann sich jetzt vielleicht schneller zum Besseren ändern (DER STANDARD, Printausgabe, Thema, Samstag, 3. Juli 2004)

Robert Stadler aus Athen
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    Der deutsche Trainer Otto Rehhagel ist des Griechischen zwar nicht mächtig, aber er beherrscht die international verständliche Sprache des Fußballs.

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