Nichts ist so modern wie der Sieg

4. Juli 2004, 20:10
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Heute steigt in Lissabon das zwölfte EM-Finale - Bei der Neuauflage des Eröffnungsspiels zwischen Portugal und Griechenland sind die Karten neu gemischt

Lissabon - "Das Turnier hätte ein offensiveres Finale verdient gehabt, wir gegen Portugal." Tschechiens Tomas Rosicky musste jammernd den Konjunktiv bemühen, nachdem sein favorisiertes Team vom Griechen Dellas das Silver Goal kassiert hatte und auf die Heimreise geschickt worden war. Wie offensiv das von Rosicky gewünschte Finale geworden wäre, wird freilich nie einer wissen. Portugal gegen Griechenland wird wieder aufgelegt, das Eröffnungsspiel, die Griechen wollen es auf eine ähnliche Art arrangieren wie bei ihrem 2:1-Sieg, die Portugiesen eher nicht.

Trainer Luiz Felipe Scolari modelte im Laufe des Turniers sein Team kontinuierlich um, die Idealbesetzung hat sich im Vergleich zur Eröffnung auf fünf Positionen verändert. José Manuel Durao Barroso, Portugals scheidender Premier und designierter EU-Chef, wird sich wie - fast - immer mit der landesfarblich rot-grün gestreiften Krawatte schmücken. "Nur beim Eröffnungsspiel hatte ich sie nicht umgebunden. Die Niederlage war meine Schuld", gestand er. Verbandschef Gilberto Madail hat den gleichen Knofel gespielt wie die Krawatte, er sah sich die Eröffnung in Porto an und dann kein weiters Spiel, versäumte also sämtliche Siege. Was Wunder, dass ihn Scolari nun bat, das Stadion tunlichst zu meiden und sich die Partie daheim vor dem Fernseher zu geben. Für beide Länder wäre der EM-Titel der größte Triumph der Fußballgeschichte. Jedenfalls wird erstmals ein ausländischer Trainer dafür gesorgt haben. Der Brasilianer Scolari oder der Deutsche Otto Rehhagel.

Die bilaterale Geschichte verlief bisher global gesehen ausgeglichen. 15:15 in Toren steht's zwischen Portugal und Griechenland nach elf Spielen, die EM-Gastgeber legten es aber ökonomischer an, gewannen viermal, die Griechen dreimal, der Rest endete Remis. Tradidionell ging's knapp her, nur einmal hatte der Sieger mehr als ein Tor Vorsprung, das war Griechenland und 1968 in Athen (4:2).

Die Portugiesen bestachen bislang mit ideenreicher Offensive und vielen gelaufenen Kilometern, die Griechen mit vielen gelaufenen Kilometern und konservativer Defensive, in der sich schon einige Kreative festgelaufen haben, die Franzosen, die Tschechen, und nicht zuletzt, sondern zu Beginn, die Portugiesen. Dellas mimte gegen Tschechien ein Libero der frühen Zeit, davor arbeitete ein Dreierriegel. Rehhagel: "Modern ist, wer gewinnt." Angelos Charisteas, der mit seinem Kopftor die Franzosen heimgeschickt hatte, sagt, was ganz Portugal hofft "Der Gegner ist gewarnt, er wird uns nicht nochmals unterschätzen."

Die Deutschen sind im Finale gleich zweimal vertreten. Neben Rehhagel wirkt Markus Merk mit. Als Referee. Die beiden kennen einander gut, Merk macht kein Hehl daraus und sagt: "Ich leite Begegnungen, in denen 22 Spieler in farblich unterschiedlichen Trikots auf dem Platz stehen. Schon in meiner Jugend habe ich unzählige Spiele immer korrekt gepfiffen, in denen meine besten Freunde mitspielten."

Merk, im täglichen Leben Zahnarzt, werden am Sonntag hunderte Millionen Menschen zuschauen. " Ich bin mir der Schwere der Verantwortung und der Tragweite meiner Entscheidungen bewusst." (DER STANDARD, Printausgabe, Samstag, 3. Juli 2004, bez, sid)

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    Der Portugiese (Ronaldo) stolperte zu EM-Beginn über den Griechen (Seitaridis) und stand wieder auf.

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