Harnstoff in den Treibstofftank

18. Juli 2004, 19:44
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Konzerne wetteifern um "saubersten" Sprit - Erste Harnstoff-Zapfsäule der OMV im tirolerischen Vomp - Neue Dieselprodukte versprechen mehr Leistung

Wien – Die Mineralölkonzerne liefern sich europaweit ein Match um den "saubersten" und effizientesten Dieselkraftstoff. Hintergrund: strengere Abgasnormen, die bei Lkw schon bald schlagend werden.

Erste Harnstoff-Zapfsäule

Um die Schadstoffemissionen beim Lkw weiter zu senken, setzen Mineralölkonzerne und Nutzfahrzeughersteller auf den Zusatz von Harnstoff. Die OMV ist dabei nach eigenen Angaben Vorreiter. Am Freitag hat der österreichische Marktführer im Inntal bei Vomp die europaweit erste "AdBlue"-Autobahntankstelle eröffnet. Unter diesem Markennamen wird die Harnstofflösung an einer eigenen Zapfsäule abgegeben.

"Wir wollen damit einen aktiven Beitrag zur Entlastung der Tiroler von Lkw-Schadstoffen leisten", sagt Gerhard Roiss, für das Tankstellengeschäft der OMV zuständig. Da ab Oktober 2006 EU-weit nur mehr Nutzfahrzeuge mit Motoren der Euro-4-Generation (strengere Abgasnorm) neu zum Verkehr zugelassen werden, steige der AdBlue-Bedarf sicher an. Europaweit schätzt man den Bedarf im Jahr 2012 auf rund 3,5 Mio. Tonnen. Für OMV sei dies insofern interessant, als man mit der Agrolinz ein Unternehmen unter dem Konzerndach habe, das auch selbst Harnstoff herstelle.

Harnstofftanks serienmäßig

Die in den neuen Fahrzeugen serienmäßig eingebauten Harnstofftanks werden in der Regel 60 bis 70 Liter fassen; diese Menge soll für rund 4000 km Liter reichen. Zum Vergleich: mit einem gefüllten 1000-Liter-Dieseltank kommt man ungefähr 3500 Kilometer weit. Kosten wird AdBlue zunächst 59 Cent je Liter.

OMV-Konkurrenten wie BP und Shell testen ebenfalls und wollen auch eine eigene Infrastruktur aufbauen.

Leistungsplus durch neue Prämiumprodukte

Beide Unternehmen versprechen sich indessen Zusatzumsätze durch Prämiumprodukte im Dieselsegment. BP bietet an ausgewählten Tankstellen den neuen Top-Diesel-Treibstoff "Ultimate" an. Flottentests hätten gezeigt, dass die Beschleunigung um rund 4,5 Prozent steige, der Verbrauch um zwei Prozent sinke und der Ausstoß von Kohlenwasserstoffen und Kohlenmonoxid um jeweils 27 Prozent zurückgehe, heißt es bei BP. Bis Ende März 2005 soll das Produkt an allen BP-Tankstellen in Österreich angeboten werden und den Euro Super Plus 98 ablösen.

Shell bietet mit "V-Power Diesel" zunächst an zwei Stationen in Wien und drei Autobahntankstellen (Walserberg und Ansfelden auf der West-, Eben auf der Tauernautobahn) ebenfalls eine zweite Dieselsorte an. Dieser sind fünf Prozent des synthetisch aus Erdgas hergestellten Kraftstoffs GTL (Gas to Liquid) beigemischt. GTL reinige mittels Additive schon nach dreimaligem Tanken verkokte Einspritzdüsen moderner Dieselmotoren und sorge für ein messbares Leistungsplus von drei bis sechs Prozent, heißt es seitens Shell. (Günther Strobl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 3.7.2004)

Wissen: Warum Harnstoff?

Der Harnstoff wird in das Abgassystem eingedüst. Die Rußpartikel-Emissionen können um 80 Prozent, jene von Stickoxid um ein Drittel gesenkt werden. Der Kraftstoffj-Verbrauch verringert sich auch. Die Substanz, die im Urin von Säugetieren mit dem Eiweiß-Stoffwechsel ausgeschieden wird, dient schon länger als Schadstoff-Killer. Synthetisch wird Harnstoff aus Ammoniak und Kohlendioxid hergestellt. (red)
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