Griechisches Heldenepos geht weiter

5. Juli 2004, 00:04
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Hellenische Teamkicker nach Finaleinzug im Freudentaumel - Griechenland feiert Torschützen Dellas als großen Held

Porto - Dem griechischen Heldenepos bei der Fußball-Europameisterschaft in Portugal ist am Donnerstag ein weiteres Kapitel hinzugefügt worden. Mit dem sensationellen 1:0-Sieg gegen Tschechien durch ein "Silver Goal" von Traianos Dellas nach 105 Minuten und drei Sekunden - unmittelbar vor Ende der ersten Hälfte in der Verlängerung - stehen die als krasse Außenseiter gestarteten Hellenen im Finale, wo am Sonntag (20:45) in Lissabon Gastgeber Portugal wartet.

Als 80:1-Außenseiter war die Truppe von Otto Rehhagel in das EM-Turnier gestartet, schlechtere Chancen wurden nur der Schweiz und Lettland eingeräumt. Die Südosteuropäer jedoch straften Experten und Wettbüros Lügen, gaben mit Spanien und Russland (jeweils Vorrunde), Titelverteidiger und Top-Favorit Frankreich (1:0/Viertelfinale) und jetzt Tschechien gleich vier ehemaligen Europameistern das Nachsehen und stehen nun vor der "Endstation Sehnsucht".

"Können es gar nicht glauben"

In den ersten Minuten nach dem Abpfiff vermittelten die griechischen Kicker den Eindruck, als wüssten sie selbst nicht, dass sie soeben für den mit Abstand größten Erfolg in der griechischen Fußball-Geschichte gesorgt hatten. "So richtig haben wir es noch nicht realisiert, wir sind einfach nur überwältigt", stammelte Mittelfeldspieler Angelos Basinas, dessen Auswahl vor EM-Start noch keinen Sieg bei einem große Turnier gefeiert hatte. "Wir können es gar nicht glauben. Jetzt müssen wir das zuerst einmal verdauen", ergänzte Giorgios Karagounis, der das Endspiel wegen einer Gelb-Sperre verpasst.

So wie seinen Mitspielern standen auch dem von den Emotionen übermannten Stelios Giannakopoulos die Tränen in den Augen. "Hoffentlich darf mein Sohn einmal Ähnliches erleben wie ich heute. Solche Momente, solche Gefühle kann man mit allem Geld der Welt nicht kaufen. Wir leben in einem Traum, aus dem wir nie mehr aufwachen wollen". Der Mittelfeldspieler warnte aber auch: "Wir schweben auf Wolken, aber jetzt müssen wir auf den Boden zurückkommen. Ganz Griechenland kann bis Sonntag tanzen, wir nur heute Abend."

Feiern in ganz Griechenland

Und genau das tut Griechenland: "Es sieht so aus, als ob der Meeresspiegel gestiegen ist und Athen überflutet hat." Mit diesen Worten beschrieb ein griechischer Fernsehmoderator in der Nacht zum Freitag das blau-weiße Fahnenmeer im Zentrum Athens nach dem sensationellen Einzug von Otto Rehhagels Griechen ins Endspiel der Fußball-EM in Portugal. Rund eine Million Menschen waren nach Schätzungen der Polizei binnen weniger Minuten nach dem Abpfiff ins Zentrum der Hauptstadt geeilt. Die Nacht war durch hunderte Leuchtkugeln zum Tag verwandelt worden.

Als "Fieberwahn und Massenhysterie" bezeichnete die griechische Presse das, was sich in der Nacht im Land abspielte. Als das "Silver Goal" durch Traianos Dellas fiel, hatte man den Eindruck, ganz Griechenland sei ein riesiges Fußball-Stadion. Alles schrie und die ganze Stadt hallte von den Freudenrufen. Der Rundfunk unterbrach sein Programm und meldete: "Athen bebt. Ganz Griechenland bebt. Wir sind im Endspiel."

Dellas, Held von Griechenland

Zurück zum Spiel: Hinten putzte Otto Rehhagels "Koloss von Rhodos" alles weg - und dann schlug Abwehr-Hüne Traianos Dellas nach 105 Minuten und drei Sekunden auch noch vorne mit dem Schädel zu. Mit dem "Silver Goal", das in diesem Fall dem abgeschafften "Golden Goal" gleichkam, weil Schiedsrichter Pierluigi Collina die Partie anschließend abpfiff, krönte der 28-jährige Grieche die Renaissance des im modernen Fußball längst ausgestorbenen Liberos und stürzte Teamkollegen, Betreuer und seine Landsleute in einen kollektiven Freudentaumel.

"Diese Nacht gehört allen Griechen", sagte ein überglücklicher Dellas. Doch den 1:0-Erfolg gegen die hoch favorisierten Tschechen wollte sich der Kicker nicht nur an seine Fahne heften. "Nicht ich bin der Held, sondern die griechische Nationalmannschaft", betonte der fast zwei Meter große Ausputzer und Italien-Legionär.

Dank an die Götter

Immer wieder musste Dellas berichten, wie er sein erstes Tor im 22. Länderspiel selbst erlebt hatte. "Als auf Eckball entschieden wurde, sah ich auf die Uhr und es waren in der ersten Hälfte der Verlängerung 14 Minuten und 36 Sekunden gespielt. Ich sagte zu mir: 'Jetzt müssen wir zuschlagen.' Jemand da oben hat mich gehört, und mir ist das Tor gelungen", dankte er den Göttern. Wichtiger war aber wohl, dass er nach dem Corner von Vasilios Tsiartas am richtigen Fleck stand und den Ball aus kurzer Distanz über die Linie köpfelte.

Dellas widmete sein historisches Tor nicht nur allen Griechen, sondern kündigte im Namen seines Volkes gleich weitere Großtaten an: "Wir sind bereit für Olympia. Es werden die besten Olympischen Spiele aller Zeiten", tönte er mit Blick auf die in sechs Wochen beginnenden Sommerspiele in Athen mit breiter Brust.

"Standfeste Eiche in der Abwehr"

Dass ausgerechnet Dellas das Spiel entschied, passte wunderbar ins Bild des "antiken" Defensivfußballs, mit dem Rehhagel in Portugal die Favoriten reihenweise zu Fall bringt. "Traianos Dellas ist so etwas wie meine standfeste Eiche in der Abwehr", beschrieb Rehhagel seinen Abwehrchef, den er in der Vergangenheit auch schon als "Koloss von Rhodos" titulierte. Der 28-Jährige stammt allerdings aus Saloniki und erlebt bei der EM einen traumhaften Aufstieg, denn im beruflichen Alltag bei AS Roma wurde Dellas nur gelegentlich eingesetzt.

Rehhagel schenkte Dellas hingegen gleich nach dem ersten Länderspiel unter seiner Regie das Vertrauen: "Du bist mein Mann", sagte der Deutsche. Eine Maßnahme, die aufging - und Dellas wird auch im Endspiel wieder eine Schlüsselrolle in Griechenlands Beton-Abwehr einnehmen. "Die Portugiesen sind im Turnierverlauf stärker geworden", warnte der Matchwinner vor der Neuauflage des Eröffnungsspiels, "aber wir auch."(APA)

  • Griechen im Rausch des Sieges.

    Griechen im Rausch des Sieges.

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