Aufregung um "Neugeborenen-Screening"

2. Juli 2004, 13:07
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Experten empfehlen flächendeckende Gentests - Europaparlamentarier warnen vor "neuer Eugenik"

Brüssel - Aufregung herrscht in Brüssel um die Empfehlung einer EU-Expertengruppe, Gentests für alle Neugeborenen einzuführen. Sie sollen auf einige seltene schwere Krankheiten untersucht werden, für die es bereits Behandlungsmöglichkeiten gibt. Nach Protesten von Europaparlamentariern gegen den "Gen-TÜV" für Babys betonte EU-Forschungskommissar Philippe Busquin jedoch, dass es sich dabei nicht um die offizielle Position der EU-Kommission handle.

Neugeborenen-Screening

Die Mitgliedstaaten sollen bei bestimmten Krankheiten "vorrangig Maßnahmen zu einem universellen Neugeborenen-Screening" ergreifen, lautet eine von 25 Empfehlungen der Expertengruppe, die von der EU-Kommission im Dezember 2002 eingesetzt worden war, um die ethischen, rechtlichen und sozialen Folgen von Gentests am Menschen zu erörtern. Das Gremium, dem Vertreter von Patientenorganisationen, Pharmaunternehmen sowie Forscher Juristen, Philosophen, Ethiker und Mediziner angehören, hatte seinen Bericht Anfang Mai vorgelegt.

Empfehlung für Gentests

Busquin wurde am Mittwoch von der Tageszeitung "Die Welt" mit den Worten zitiert, es sei wichtig, "dass die Empfehlung für Gentests an Babys in den Mitgliedstaaten umgesetzt wird". Am Donnerstag stellte er allerdings in einer Aussendung klar, dass er sich niemals für verpflichtendes Gen-Screening an Babys ausgesprochen hatte. Der EU-Kommission sei vielmehr ein Anliegen, die Qualität und Verlässlichkeit dieser neuen Technologie zu verbessern, die "verantwortungsvoll und freiwillig" genutzt werden müsse.

Tür und Tor für eine neue Eugenik

Deutliche Ablehnung schlägt den Plänen für generelle Gentests an Babys aus dem Europaparlament entgegen. Die Entscheidung dafür solle "weder bei der Europäischen Kommission noch bei der nationalen Regierung, sondern bei den Eltern liegen", betonte der deutsche CDU-Europaabgeordnete Peter Liese am Donnerstag. Er wies darauf hin, dass die Testergebnisse und die möglichen Therapien "zum Teil sehr umstritten" seien, "weshalb man keinesfalls eine generelle Empfehlung geben kann".

Die deutsche grüne EU-Abgeordnete Hiltrud Breyer bezeichnete den Vorschlag als "verantwortungslos", da es keine Vorkehrungen gegen Missbrauch gebe. Gentests an Babys dürfe es nur geben, wenn Therapiemöglichkeiten bestünden und Freiwilligkeit der Eltern gegeben sei. "Ansonsten wird Tür und Tor für eine neue Eugenik geöffnet."

Freie Entscheidung

Allerdings betonen auch die Experten in ihren 25 Empfehlungen, dass Gentests "unter keinen Umständen" aufgedrängt werden und "stets eine Sache der freien Entscheidung bleiben" sollen. Sie müssten zudem einen "hohen Voraussagewert" haben und die Möglichkeit von Therapiemaßnahmen müsse bestehen. Zudem seien Vorkehrungen zu treffen, die eine Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen nach ethnischer oder Geschlechtszugehörigkeit bei Durchführung der Tests oder durch Auswertung ihrer Ergebnisse verhindern.

Wert

Grundsätzlich werden in dem Bericht Gentests als Mittel zur Vorhersage oder Heilung von Krankheiten begrüßt. Im Idealfall könne man nämlich durch die Testergebnisse dem Ausbruch von Krankheiten oder der Zeugung behinderter Kinder vorbeugen. Vor allem Screenings an Ungeborenen könnten aber den Wert menschlichen Lebens in Frage stellen. Erwachsenen Menschen könnten die durch Gentests gewährten Einsichten in ihren Gesundheitszustand zudem massive psychische Probleme bereiten, die zu den körperlichen hinzu kommen. Geraten die Testergebnisse in die falschen Hände, besteht nach Ansicht der Experten zudem die Gefahr der Diskriminierung und Ausgrenzung.

Laut dem Bericht werden jährlich 700.000 Gentests in der EU durchgeführt, wobei sich die Zahl in einigen EU-Mitgliedstaaten seit 1997 verdoppelt oder sogar verdreifacht habe. In den kommenden Jahren sei mit Zuwachsraten von mehr als zehn Prozent zu rechnen. (APA)

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    EU-Forschungskommissar Philippe Busquin

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