"Familienehre" am EU-Prüfstand

22. Juli 2004, 10:50
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Frauen als Gewinnerinnen des Beitrittswunsches - Türkei will "Ehrenmorde" und Vergewaltiger schärfer ahnden

Ankara - Die EU-Beitrittsbestrebungen der Türkei zeigen bereits Auswirkungen auf den Status der Frauen. Künftig sollen so genannte 'Ehrenmorde' an vergewaltigten Frauen - die bislang mit höchstens 24 Jahren Gefängnis bestraft wurden - mit lebenslänglichen Haftstrafen geahndet werden. Der Rechtsausschuss des Parlaments legte am Donnerstag eine entsprechende Gesetzesänderung vor, der den Abgeordneten nach der Sommerpause im Herbst zur Abstimmung vorgelegt werden. Die Täter kommen jedoch häufig schon nach zehn Jahren frei.

Vor allem in den ländlichen Gebieten der Türkei werden sehr viele junge Frauen und Mädchen noch immer 'im Namen der Ehre' von ihren Familien getötet. Der Kriminalstatistik zufolge werden jedes Jahr Dutzende ermordet, weil sie vergewaltigt wurden oder ein uneheliches Verhältnis hatten.

Ehen zur Rettung der 'Ehre' und der Täter

Weiterer Knackpunkt im türkischen Recht in diesem Zusammenhang ist noch immer die Möglichkeit, dass sich Vergewaltiger durch eine Ehe mit ihren Opfern einer Haftstrafe entziehen können. Eine ebensolche Hochzeit eines 13-jährigen türkischen Mädchens wurde gerade gestoppt. Beamte hatten entdeckt, dass die Eltern des Mädchens ihre Tochter um einige Jahre älter gemacht hatten. Ihnen droht deshalb eine Haftstrafe von bis zu acht Jahren. Die Hochzeit war von Seiten der Eltern eingefädelt worden, die dem Vergewaltiger ihrer Tochter dafür angeblich 5.500 Euro bezahlt hätten.

Nach offiziellen Angaben profitierten 2002 546 Männer von dieser Regelung, in den ersten vier Monaten des vergangenen Jahres waren es 163. Auch dieses Gesetz soll im Zuge der Justizreform noch in diesem Jahr abgeschafft werden. (APA)

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