Das Aberdeenspiel

1. Juli 2004, 19:53
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Teil 29 von Ilse Aichingers Artikelserie "Schattenspiele"

Spiele wachsen aus der Bedrohung, vor allem aus der Bedrohung der unverlangten Existenz, die gleich so fremd und weitab ist wie das Wort Aberdeen für einen Klippschüler. Es ist eins meiner ältesten Spiele. Wenn die Schlaflosigkeiten und die Ränder der Nacht in die Nähe ihrer Mitte geraten, weiten sich seine Regeln und verschärfen sich danach rasch. Kurz vor jedem Morgen "Aachen, Aberdeen, Artstetten" und eben auch die Chance, dass die Nacht mit oder ohne Schlaf ihr Ende findet.

Das Schäfchenzählen versagte schon lange, ehe ich zugleich mit meiner Schwester - von wem immer - ungefragt in Betracht gezogen wurde. Gleich wenig Schlaf und eine Doppelanarchie, die nicht ausreichte. Es war eine wehrlose Anarchie. Durch die halb offenen Fenster unseres Schlafzimmers drang sie wehrlos und unartikuliert auf die Linzer Gassen, unter den matten Linzer Himmel und in die Linzer Luft. Damals war Aberdeen noch nicht in Sicht.

Die große Fähre, die eine Nacht für die Überfahrt zu den Shetlands braucht, die Offshore-Bohrinseln, die Creften Cottages und der beißende Geruch des Torffeuers. Nur der Tweed von der Westküste Schottlands darf sich Tweed nennen. Keiner fragt, ob er sich nicht eher nennen wollte, was er nicht ist, um sein Tweedgeheimnis zu bewahren.

Anfang Mai bis Ende Juni liegen die Niederschlagsmengen am niedrigsten, die Temperaturen sind akzeptabel. In Edinburgh gibt es das International Art Festival, auch Edinburgh Festival genannt, in Aberdeen ein Alternative Festival, Musik und Straßenfest. Fremdartig und unnahbar, heißt es von Schottland. Wie es eben in Reiseführern heißt, um der Neugier der möglichen Besucher gerecht zu werden.

Einer der vielen möglichen, auch unerwarteten Besucher war Alfred Adler, in Wien-Rudolfsheim, Mariahilferstraße 208 geboren. Er starb am am 28. Mai 1937 in Aberdeen. Dieser "Tod in Aberdeen" wird mich bis zuletzt beschäftigen, seine Absurdität, seine Abgelegenheit, seine Verlassenheit. Und nicht nur mich. Andere auf andere Art. Am 22. Juni 1937 schreibt Sigmund Freud an Arnold Zweig über den Tod Adlers in Aberdeen: "Für einen Judenbub aus einer Wiener Vorstadt ist ein Tod in Aberdeen schon an sich eine unerhörte Karriere und ein Beweis dafür, wie weit er es gebracht hat. Tatsächlich hat ihn die Welt reichlich dafür belohnt, dass er sich der Psychoanalyse entgegengestellt hat."

Tod in London, Tod in Aberdeen. Und die Frage, welcher von beiden spektakulärer bleibt, vermutlich eine sekundäre Frage. Aber für mich bleibt der abseitige Tod im abseitigen Aberdeen doch eher ein konsequent zu Ende definiertes Schattenspiel. Falls Schattenspiele überhaupt zu Ende definiert werden wollen und nicht lieber aus allen Szenen verschwinden, ehe die Nacht keine Schatten mehr zulässt. Selbst aus der Szene, die Aberdeen allein gehört. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.7.2004)

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