Ballverliebte pianistische Pirouetten

5. Juli 2004, 22:40
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Michiel Borstlap gastierte im Rahmen des Jazzfestes Wien im Porgy & Bess

Wien - 6:0 für die Niederlande! So lautete sein Wunschresultat, und dies wohl nicht nur, weil er seine Landsmänner gerne im Endspiel sehen wollte. Denn die Portugiesen hatten sich eingebildet, ihren Gegner just an jenem Mittwochabend bespielen zu müssen, an dem Michiel Borstlap selbiges mit dem Porgy & Bess zu tun gedachte. Entsprechend schütter besetzt waren die Reihen, und doch warf sich der Pianist wie vor voller Stadionkulisse ins Gewühl:

Querpassend, tricksend, Haken schlagend, so dribbelte der 34-Jährige die Tastatur auf und ab, rast- und atemlos auch in nachdenklicheren Momenten, als gelte es, einen zwölften Mann zu mimen. Denn Borstlap, seit dem Gewinn des Washingtoner Monk-Wettbewerbs 1996 international ein Begriff, hält mit seiner glänzenden Technik nicht hinterm Berg: Was schon im Solo-Opener hörbar wurde, in dem er zwischen rhapsodischem Passagenwerk Chopin- und Blues-Fragmente ebenso wie Arlens Somewhere Over the Rainbow wetterleuchten ließ. Auch im Trio-Kontext, mit Stefan Lievestro (Bass) und Owen Hart (Schlagzeug), sah sich das virtuose Stop-and-Go-Spiel der Akkorde und Läufe fortgesetzt.

Monks Round Midnight wurde da auseinander genommen und wieder zusammengesetzt, die legendär dunklen Akkorde nach ungehörten harmonischen Farben und verborgenen melodischen Ideen abgetastet. Um zwischendurch immer wieder erstaunliche Pirouetten zu drehen. Ballverliebtheit hätte man da einem Kollegen auf dem grünen Rasen attestiert, angehörs so manches Genieblitzes, dessen Effizienz im Dienst der Sache nicht immer gewährleistet war. Die zweite Halbzeit gab sich als Nachspiel. Die Schlacht in Lissabon war geschlagen, pianistische Schützenhilfe nicht mehr vonnöten.

Borstlap kam hörbar entspannt aus der Garderobe, gab sich aufgeräumt, konzentriert. Die Notenflut wich sparsameren Strukturen, das Trio wuchs in Stücken wie Hancocks Dolphin Dance nun tatsächlich zu einer elastischen Einheit zusammen. Hier suchte endlich ein Niederländer den direkten Weg zum Tor. Zuweilen hat ihn Borstlap, dessen Pianistik in ihrer Vielseitigkeit und dem Willen, eigene Wege zu gehen, als Zukunftsversprechen gelten kann, diesmal auch gefunden. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.7.2004)

Von Andreas Felber
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