Anspruch erweckt Zuspruch

5. Juli 2004, 22:40
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Seit drei Jahren versucht das Festival Wörthersee Classics mit einer durchdachten Dramaturgie Publikum anzulocken. Heuer halfen auch die Philharmoniker

Klagenfurt - Im dritten Jahr seines Bestehens scheinen die von der Geigerin Elena Denisova und dem Pianisten/Dirigenten Alexei Kornienko gegründeten Wörthersee Classics nicht nur eine geachtete, sondern auch vom breiten Publikums gewollte Institution zu sein. Literarischer und musischer Anspruch - so könnte man wortspielen - erweckt in dieser vom "großen" Musikleben nicht allzu großzügig bedachten Urlaubsregion ein gerüttelt Maß an Zuspruch.

Die erstaunliche Bestätigung: Für ein Programm mit Schuberts Streichtrio (D 581), vier Alban-Berg-Stücken und Franz Schmidts weihevollem Quintett in A-Dur erwärmten sich mehr als 400 Zuhörer - und dies bei gar nicht zögerlichen Eintrittspreisen. Man möchte im Salzburger Mozarteum oder im Münchner Herkulessaal mit der Zählung einer schütteren Minderheit unter solchen Umständen nicht beauftragt sein . . . Die Konzerte finden in einem auf den ersten Hörblick hin beängstigenden Provisorium statt, nämlich in einer - allerdings umsichtig - adaptierten Messehalle. Im Foyer ist für Flüssigkeit gesorgt, es fehlt auch nicht an freundlichster Platzanweisung.

Und nach einiger Skepsis angesichts der Breite dieses Saales fühlt man sich überrascht, wenn zarte Klarinettentöne das Ohr erreichen, als befände man sich in einer historisch adäquaten Aufführungsstätte.

Die Komponisten Mahler, Berg, Webern, Brahms und Wolf sind die Leitfiguren dieser Initiative - allesamt haben in dieser Region gewirkt bzw. Musik erwirkt. Alexei Kornienko dirigierte zu Festspielbeginn Mahlers Sechste, ein Brahms-Symposion erfüllte zu Veranstaltungsmitte musiklogische Inzestwünsche. Und gegen Ende war es ein tüchtiges Kammerensemble einer "Europasymphony " unter der Leitung von Wolfgang Gröhs, die mit einer Gröhs-Orchesterbearbeitung des d-Moll-Streichquartetts von Hugo Wolf die Leitlinien mit Umsicht und Farbenerregung unterstrich.

Bemerkenswert eine Aufführung des ausufernden, an Brahms (op. 77!) orientierten Violinkonzerts von Max Reger in einer Kammerfassung von Rudolf Kolisch. Elena Denisova war hier Tatkraft, Führungskraft und Überlebenskraft in einer Person - uneigennützig einem Werkmonster verbunden, dessen viele, auch verborgenste Schönheiten unter solchen Voraussetzungen wohl manchem Zweifler der privaten Reger-Korrektur dienten.

Zum Finale dann eine Premiere! Erstmals gastierten die Philharmoniker in Klagenfurt. Brahms Akademische Festouvertüre, Werke von Busoni, Verdi und Respighi entsprachen fast zur Gänze dem aktuellen Reiseprogramm unter der Leitung von Riccardo Muti. Aber für die Stadt, für den "klassifizierten" Wörthersee war es genau jene akustisch-gesellschaftliche Besonderheit, mit der man ein Unternehmen noch stärker im Bewusstsein verankert. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.7.2004)

Von Peter Cossé
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