"Karadzic-Festnahme in den nächsten Tagen"

2. Juli 2004, 17:59
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Haager Chefanklägerin glaubt an schnellen Fahndungserfolg in der Republika Srpska

Die Aktionen an der Grenze zu Serbien und Montenegro laufen schon seit zwei Wochen: Offiziell als "Stichprobenartige Kontrollen der Übergänge" deklariert, sind Soldaten der Nato-geführten Bosnien-Schutztruppe Sfor jedoch vor allem im Osten des bergigen Landes unterwegs, wo der Expräsident der bosnisch-serbischen Republika Srpska, Radovan Karadzic, und dessen oberster General, Ratko Mladic, vermutet werden.

Am Donnerstag schließlich führten Sfor-Einheiten eine Razzia in Han Pjisak durch - Geheimdienstberichten zufolge gehören die noch unter Tito errichteten Atombunker am Rande der ostbosnischen Kleinstadt zu den wichtigsten Schlupfwinkeln Mladics, der wie Karadzic vom Kriegsverbrechertribunal in Den Haag angeklagt ist.

Es könne sich nur noch um Tage handeln, bis Karadzic verhaftet werde, versicherte Florence Hartmann, Sprecherin von UNO-Chefanklägerin Carla del Ponte, gegenüber dem STANDARD. Bereits seit Jahresbeginn mehren sich Anzeichen, dass es Sfor-Spezialkräften in der nächsten Zeit tatsächlich gelingen könnte, den 59-Jährigen zu fassen. Erst im März waren britische SAS-Soldaten zu einer Festnahmeaktion in Pale eingeflogen worden.

Darüber hinaus macht Paddy Ashdown, der internationale Bosnienbeauftragte, nun sichtbar Druck auf die Führung der von Karadzic 1990 gegründeten Serbisch-Demokratischen Partei (SDS), ihre logistische und finanzielle Unterstützung für Karadzic, Mladic und andere Kriegsverbrecher zu stoppen. So entließ Ashdown am Mittwoch 59 bosnisch-serbische Amtsträger, die im Verdacht stehen, deren Verhaftung zu verhindern. Neben dem SDS-Vorsitzenden und Parlamentspräsidenten in Banja Luka, Dragan Kalinic, setzte Ashdown auch Innenminister Zoran Djeric ab. Mit der Anfang Juni erfolgten Veröffentlichung eines Regierungsberichts über die Verantwortung bosnisch-serbischer Truppen für das Massaker von Srebrenica im Juli 1995 scheint in der Republika Srpska außerdem ein innenpolitischer Prozess in Gang zu kommen, der die rechtsextremen Kräfte, die an einer Vergangenheitsbewältigung kein Interesse haben, auf Dauer erheblich schwächen könnte.

Für eine baldige Festnahme von Karadzic und Mladic spricht schließlich die zum Jahresende erwartete Ablösung des amerikanischen Sfor-Oberkommandanten durch einen EU-General: Washington will die Verhaftung von Kriegsverbrechern nicht den EU-Truppen überlassen. (DER STANDARD, Printausgabe, 2.7.2004)

Von Markus Bickel aus Sarajevo
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    Straßensperre in der Nähe von Sarajewo.

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