Keine Entscheidung ist auch eine

6. Juli 2004, 21:36
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Hans Hurch, Leiter der Filmfestwochen Viennale, vergleicht die Fälle Ronacher und Gartenbau und kritisiert Wiens Kulturpolitik

Wien - Als Viennale-Direktor Hans Hurch am Donnerstag den STANDARD-Bericht über die Verzögerungen des Ronacher-Umbaus las, hatte er ein Déjà-vu: "Da werden zuerst vonseiten des Kulturamts Ankündigungen gemacht, dann werden gegebene Versprechungen nicht gehalten, und immer wieder werden Institutionen damit vertröstet, dass 'noch Unterlagen fehlen'."

Hurch spricht aus Erfahrung: Vor zwei Jahren haben die Wiener Filmfestwochen den Betrieb und die Programmierung des Gartenbau Kinos übernommen, auf ausdrücklichen Wunsch der Stadt und unter der Bedingung einer jährlichen Subvention von 400.000 Euro und der baldigen Renovierung des mittlerweile mit schweren Bausubstanzschäden behafteten Spielorts.

Überwiesen hat SP-Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny dann letztlich nur 310.000 Euro pro Jahr. Und in Sachen Renovierung stellt man sich im Kulturamt taub oder reagiert auf Nachfrage genervt bis verärgert - oder eben mit einem Verweis auf noch ausstehende Unterlagen. "Dabei", so Hurch, "liegt dem Stadtrat seit geraumer Zeit ein bereits geprüftes Renovierungskonzept des Büros Aichinger oder Knechtl vor."

Wie bedrängend die Situation mittlerweile geworden ist, illustriert Hurch mit der jüngsten Anfrage eines Verleihs, man wolle Ende Juli im Gartenbau Kino die Premiere von Michael Moores Fahrenheit 9/11 veranstalten. "Das geht nicht. Wir müssen das Kino im Sommer zusperren - weil mittlerweile die Lüftung und Kühlung nicht mehr funktionieren. Und 40 Grad in einem mit 750 Menschen gefüllten Saal sind unzumutbar, das schadet auch dem Image des Gartenbaus."

Dass dieses Image bei adäquater Programmierung durchaus noch Strahlkraft besitzt, beweist - nach ein paar mageren Monaten - die Endabrechnung für den Juni: 10.000 Besucher konnte das Kino verbuchen - über 6000 davon gingen allein in die noch bis 4. Juli laufende Retrospektive für Jacques Tati: "Da gehen von den Großeltern bis zu den Enkeln praktisch alle Altersstufen hin", erzählt Hurch. Für die eine längerfristige Zukunft des Kinos will er dennoch nicht garantieren - "außer Mailath löst endlich seine Versprechen ein."

Bis dahin wäre dem Kulturstadtrat eigentlich nur das ins Stammbuch zu schreiben, was Hans Hurch derzeit über die Wiener Kulturpolitik befindet: "Wenn man keine Entscheidung fällt, ist das auch eine Entscheidung." (DER STANDARD, Printausgabe, 2.7.2004)

Von Claus Philipp
  • Hans Hurch
    foto: viennale

    Hans Hurch

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