Vokabeln einer reflexiven Wissenschaft

2. Juli 2004, 12:30
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In Graz entstand nach zehnjähriger Forschung "Center of Excellence" für Moderne

Graz - Ein interdisziplinäres Pionierprojekt an der Karl-Franzens-Universität Graz geht ins Finale: "Moderne. Wien und Zentraleuropa um 1900", der erste österreichische Spezialforschungsbereich (SFB) für Geisteswissenschaften. 72 Mitarbeiter aus sieben Disziplinen - Philosophie, Zeitgeschichte, Österreichische Geschichte, Germanistik, Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Soziologie - verteilt auf 16 Einzelprojekte, arbeiteten in fünf interdisziplinären Arbeitskreisen zehn Jahre lang zusammen.

Bilanz: Über 680 Publikationen (etwa Studien zur Moderne im Böhlau-, Passagen- und Studien-Verlag), die Edition der Tagebücher von Hermann Bahr, einem Protagonisten der Wiener Moderne, und die Zeitschrift Newsletter zur Präsentation der Ergebnisse. Geleitet wurde das Großprojekt vom Historiker Moritz Csáky, finanziert mit etwa 7,3 Millionen Euro vom Wissenschaftsfonds (FWF), unter Beteiligung des Landes Steiermark und der Stadt Graz.

Die Herausforderung dieses SFB-Projekts war der geforderte Dialog zwischen den Disziplinen, gemeinsam neue Fragestellungen und Methoden zu entwickeln. Als eine Konsequenz wurde die Mehrdeutigkeit vieler Begriffe deutlich.

Kreatives Potenzial

Die Moderne bezeichnet unter anderem den Kontinuitätsverlust und die Verunsicherung des Subjekts zu Ende des 19. Jahrhunderts, zugleich aber auch die Orientierung an neuen Ganzheitsversprechen (Religion, Nation und Ähnliches). Ethnisch-kulturelle Pluralität bedeutet einerseits ein kreatives Potenzial, zugleich beförderte jene das Bewusstsein einer Krise. Auch der verwendete Kulturbegriff hat sich verändert, vom wesensmäßigen einer Nationalkultur, hin zum Prozess wechselseitiger Beeinflussungen. Abstand genommen wurde auch von der Vorstellung einer linearen Entwicklung der Moderne zur Postmoderne.

Wie Ergebnisse solcher Großprojekte in Unis integriert werden, damit erarbeitetes Know-how nicht verloren geht, war zentrale Frage des Abschlusssymposiums im Grazer Kunsthaus - gefolgt von der vielfach postulierten Kritik, die Uni kürze radikal die Lehre von externen Forschern und lege die Verantwortung für Projekte in die Hände der Drittmittelverwalter, statt sich strukturell so zu reformieren, dass interdisziplinäre Projekte universitär verankert werden können.

Den Ruf nach Interdisziplinarität nannte Historiker Karl Kaser eine "offizielle Rhetorik", während in der Praxis an der Uni Graz im Zuge der knappen Geldmittel laut Germanistin Hildegard Kernmayer eher eine "Redisziplinierung" zu verzeichnen sei. Kulturwissenschafter Anil Bhatti meinte pointiert: "Komplexe Fragstellungen brauchen komplexe Projekte."

Und weil das Ganze stets mehr ist als die Summe seiner Teile, erwartet sich auch die Vizepräsidentin des FWF, Juliane Besters-Dilger, einen Mehrwert von der Finanzierung solcher interdisziplinärer SFB. So habe die erfolgreiche Evaluierung des SFB "Moderne" durch ein internationales Gremium gezeigt, dass in Graz tatsächlich ein "Center of Excellence" entstanden sei. (Nicole L. Immler/DER STANDARD, Printausgabe, 2.7.2004)

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