Nackter Oberkörper

8. Juli 2004, 17:15
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Kommt einer oben ohne daher, ist Wegschauen praktisch unmöglich. Entweder aus Abscheu oder aus purer Begeisterung

+++Pro
von Doris Krumpl

Das Goldketterl mit den protzigen Initialien "GG" verfängt sich im schießend-sprießenden Brusthaar-Wald. Wir schreiben das Jahr 1976. Gary Glitters LP-Foto ist Geschichte, wirkt stellvertretend nach in einer Generation, die damals irgendwie pubertös herumdokterte. Oder: Iggy Pop in tiefhüftsitzender Silber-Enghose, oben ganz ohne - welch eine "Raw Power"! Ein Fall spätkindlicher Prägung: Zwischen den Polen Hendlbrust (Marke weiß, zart, unbehaart) und gut gefülltem Buddha-Oberleib, glatt, rasiert oder verkehrt, bewegt sich das Universum. Und kann seitdem keine(n) mehr erschüttern. Kommt einer oben ohne daher, ist Wegschauen praktisch unmöglich. Entweder aus Abscheu oder aus purer Begeisterung. Die Augen packen zu: Da hat man ja schon den halben Mann! Frauen begeistern sich plötzlich für Fußball, besonders nach Schlusspfiff, wobei Spitzenfußballer durch tonnenförmig gewölbte Figur auffallen.

Für den Schwimmsport und vor allem fürs Boxen hatte die Damenwelt seit jeher eine Schwäche. Waschbrettbäuche und knackige Brustmuskeln gelten gemeinhin als sexy. Das sind sie auch, sagt jetzt vielleicht ein armes Werbebilder-Opfer. Aber selbst Anarcho Andreas Baader posierte oben nackt, mit Desert Boots und Schlafzimmer-Blick, vor der Linse. Von wegen freier Wille: Archaische Kräfte und Ur-Instinkte sind schuld, wenn So-Ein-An-Blick entscheiden kann, wen man sich zur Brust nimmt.



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Contra--
von Ljubisa Tosic

Sicher, mit den Formen einer griechischen Skulptur mitzuhalten, mit diesem uns vererbten Ideal, ist nicht jedem gegeben. Durchsät ist der Alltag mit jenen Verlockungen, deren Konsum sich speckig um die Hüften legt. Und den wenigsten ist es gegeben, jene schweißtreibende Bußübung lange genug durchzuhalten, um antrainierte Bauchgebirge wieder abzutragen. Um uns von diesen optischen Belästigungen frei zu halten, erschuf ein gnädiger Gott indes Sakko und Hemd, Allah hingegen weite Gewänder - wohl wissend, dass nicht damit zu rechnen ist, dass ein jeder den Pfad des Bierlos-Vegetarischen beschreiten kann; das Auge jedoch vor Belästigungen geschützt werden muss. Freilich sind mitunter Ungläubige zu erspähen, die von diesen kleidsamen Göttergaben nicht Gebrauch machen wollen. In der männlichen Fastnacktheit (kurze Hosen, offenes Hemd) erspähen sie nicht jene penetrante Angelegenheit, die sie zweifellos im öffentlichen Raum darstellt. Auch wenn sie wohlgeformt daherkommt.

Ganz Optimistische unter ihnen neigen trotz ihrer gewichtigen Formen gar zur Oberkörperenthüllung. Bedauerlicherweise sind viele von ihnen Fußballfans, was zur Folge hat, dass sie in Zeiten der Hitze jenen Teil der Damenwelt, der unter Aufbietung aller partnerschaftsrettenden TV-Kräfte begonnen hat, sich für die Magie des Balles zu interessieren, wieder dazu bringen, angeekelt das Weite zu suchen. Freunde, zieht euch wieder an, Gnade! Es ist nicht zu spät, die EM dauert ja noch ein bisschen. (Der Standard/rondo/02/07/2004)

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