"Das wird ein Nachspiel haben"

4. Juli 2004, 14:58
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Ralf Schumacher wirft den Ärzten in den USA schwer wiegende Fehler vor: Wirbelbrüche über­sehen - Bruder Michael rät zu längerer Pause

Magny-Cours - Wohl nur knapp dem Tod entronnen ist Ralf Schumacher bei seinem Horror-Unfall in Indianapolis. Bei einem anderen Einschlagwinkel in die Betonmauer des Hochgeschwindigkeitskurses hätte er nach eigenen Angaben nicht überlebt. "Dann wäre ich jetzt nicht mehr da", sagte der Deutsche. Trotzdem denkt der Williams-BMW-Pilot keinesfalls an ein Ende seiner Formel-1-Karriere.

Allerdings kündigte Ralf Schumacher an, die medizinische Behandlung in den USA werde "ein Nachspiel haben". Unterdessen riet ein geschockter Michael Schumacher vor dem Großen Preis von Frankreich an diesem Wochenende seinem Bruder zu einer längeren Rennpause.

Ungenaue Diagnose

Ralf Schumacher und sein Manager Willi Weber werfen den Ärzten an der Rennstrecke und dem Methodist Hospital von Indianapolis indirekt schwer wiegende Fehler vor. Die Mediziner hatten nur eine schwere Gehirnerschütterung und Prellungen im Rückenbereich festgestellt. Erst eine erneute eingehende Untersuchung in der Sportklinik in Bad Nauheim hatte am Montag - acht Tage nach dem Crash - die niederschmetternde Diagnose ergeben, dass sich Schumacher bei dem Aufprall in die Betonmauer rückwärts in spitzem Winkel mit etwa 300 km/h auch zwei Wirbel gebrochen hatte.

"Es hat uns am meisten geärgert, dass das in den USA nicht festgestellt wurde. Er ist falsch transportiert worden", sagte Weber dem Fernsehsender SAT.1. Sein Schützling habe auch viel zu früh die Erlaubnis erhalten, zurückfliegen zu können. "Er hätte nicht transportiert werden dürfen." Schumacher durfte bereits einen Tag nach dem schweren Unfall am 20. Juni in seine Wahl-Heimat Salzburg zurückfliegen.

Sehr starke Schmerzen

Das Unfallopfer leidet unter sehr starken Schmerzen. "Ich überlege mir jeden Treppengang", erklärte Schumacher in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung. "Ich trage ein Korsett, das die Festigkeit meines Rückens verbessert. So mache ich nur Bewegungen, die auszuhalten sind." Bei jeder falschen Bewegung seien die Schmerzen extrem.

Dennoch strebt der sechsfache Grand-Prix-Sieger, der mit acht bis zwölf Wochen Pause rechnen muss, möglichst schnell ins Cockpit zurück. "Ich gehe schon davon aus, dass es noch dieses Jahr sein wird", erklärte er. "Es hängt aber auch davon ab, wie schnell meine Wirbelsäule verheilt." Angst habe er wegen des Unfalls nicht, versicherte Ralf Schumacher, sonst würde er "sofort mit der Formel 1 aufhören".

Bruder Michael rät zur Pause

Nicht zum Aufhören, aber zu einer langen Pause riet Michael Schumacher seinem Bruder. "Das Wichtigste ist jetzt, dass er sich genügend Zeit und Ruhe nimmt und nicht zu früh ins Cockpit steigt - aber das weiß Ralf auch selbst", teilte er auf seiner Internet-Homepage mit (www.michael-schumacher.de). Er sei "doch erst mal geschockt gewesen", als er die Diagnose gehört habe.

Michael Schumachers Vorfreude auf den Großen Preis von Frankreich am Sonntag (Start: 14.00 Uhr/live ORF und Premiere) wurde durch die niederschmetternde Nachricht getrübt. Der Seriensieger hofft aber trotz der Sorge um seinen Bruder auf seiner Paradestrecke in Magny-Cours auf den nächsten Streich. "Ich gehe davon aus, dass wir auch dort um den Sieg mitfahren können und habe mir fest vorgenommen, die Tendenz aus der ersten Saisonhälfte nicht abreißen zu lassen", sagte der haushohe Favorit gewohnt zurückhaltend über seine Erfolgschancen. "Bisher gab es keine Rennstrecke, auf der unser wunderbares Auto nicht zurecht gekommen ist."

Michael klarer Favorit in Frankreich

Alles andere als eine erneute Triumphfahrt des Titelverteidigers wäre eine faustdicke Überraschung. Schumacher gewann auf dem 4,411 km langen "Circuit de Nevers" schon sechs Mal und hat beste Chancen, seinen erst vor knapp drei Wochen in Montreal aufgestellten Rekord von sieben Siegen auf einer Strecke einzustellen. Zudem krönte sich der sechsfache Weltmeister vor zwei Jahren in Magny-Cours im elften von 17 Saisonrennen zum schnellsten Champion der Geschichte.

Ein derartiger Schnellschuss ist an diesem Sonntag nicht möglich. Halbzeit-Weltmeister Schumacher liegt nach neun von 18 Rennen mit 80 Punkten zwar schon wieder souverän an der Spitze vor seinem brasilianischen Teamkollegen Rubens Barrichello (62) und den weit abgeschlagenen Verfolgern anderer Teams. Aber wegen des nach seiner Spazierfahrt zum Titel 2002 veränderten Punktemodus und des aufgestockten Kalenders muss sich der Ferrari-Star mit seinem siebenten WM-Gewinn etwas länger gedulden.

  • Erste Behandlung nach dem Unfall.

    Erste Behandlung nach dem Unfall.

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