Ottmar Hitzfeld wird nicht deutscher Teamchef

1. Juli 2004, 19:42
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Angebot des DFB nicht angenommen: "Ich bin derzeit nicht in der Verfassung"

Frankfurt/Main - Eine Woche nach dem Rücktritt von Rudi Völler als Teamchef hat die Absage von Wunschkandidat Ottmar Hitzfeld den Deutschen Fußball-Bund (DFB) und seinen Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder in ein Dilemma gestürzt. Der Ex-Trainer von Bayern München lehnte am Donnerstag das Angebot überraschend ab, so dass die Suche nach einem Bundestrainer von vorne beginnen muss. Zugleich ist völlig offen, welchen Einfluss Hitzfelds Entscheidung auf den in der DFB-Führung entbrannten Machtkampf haben wird.

Derzeit sind alle deutschen Spitzentrainer unter Vertrag. Einen Ausländer als Chef der Nationalmannschaft hat der DFB bisher immer abgelehnt. Von entscheidender Bedeutung ist nun die für Montag in Frankfurt/Main angesetzte Präsidiumssitzung, in der das weitere Vorgehen der DFB-Führung vereinbart werden soll. Nach diesem Treffen wird auch mehr Klarheit darüber herrschen, ob sich der wegen seiner Eigenmächtigkeiten heftig kritisierte Mayer-Vorfelder als DFB-Präsident im Amt halten kann.

"Derzeit nicht in der Verfassung"

In einer vom DFB am Donnerstagmittag verbreiteten "Gemeinsamen Erklärung" bittet der 55-jährige Hitzfeld um Verständnis für seine Ablehnung. "Diese Entscheidung ist mir sehr, sehr schwer gefallen. Das Amt des Bundestrainers ist eine Auszeichnung, die Weltmeisterschaft im eigenen Land ein Traum. Aber ich bin derzeit nicht in der Verfassung, die nötig ist, der deutschen Nationalmannschaft bis zur WM 2006 weiter zu helfen - so, wie ich das unbedingt für nötig halte", sagte Hitzfeld.

Er habe Gerhard Mayer-Vorfelder seinen Entschluss bereits am Dienstag um 16.30 Uhr mitgeteilt. Anschließend habe ihn der DFB-Präsident umstimmen wollen. "Genauso wie das Bayern-Trio Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß und Karl-Heinz-Rummenigge. Mayer-Vorfelder und ich haben am Mittwoch noch einmal miteinander gesprochen. Er wollte mich erneut umstimmen. Aber mein Entschluss stand fest", sagte der 55-Jährige, der sich derzeit in seinem Schweizer Feriendomizil in Engelberg aufhalten soll und nach eigener Aussage "fünf schlaflose Nächte" hinter sich hat.

In einem gewissen Widerspruch steht seine Aussage, er habe in einem "guten Gespräch" mit Mayer-Vorfelder "Einigkeit in allen wesentlichen Punkten erzielt". Hitzfeld hatte nach Beendigung seiner Tätigkeit beim deutschen Rekordmeister erklärt, er wolle für ein Jahr eine Auszeit nehmen. Dennoch hatte er sich als Völler-Nachfolger selbst ins Gespräch gebracht und sich in Verhandlungen mit Mayer-Vorfelder begeben.

"Ich habe lange mit mir gerungen"

Hitzfeld begründete seine Absage so: "Ich fühle mich noch etwas leer, der Akku ist noch lange nicht aufgeladen. Ich habe lange mit mir gerungen." Der Machtkampf im DFB habe keinen Einfluss auf seine Entscheidung gehabt. "Das hat überhaupt keine Rolle gespielt. Der Präsident hat sich hervorragend verhalten."

Der 71-jährige Mayer-Vorfelder hatte die Suche nach dem Völler-Nachfolger zur Chefsache erklärt und die Führung des DFB mit dieser Eigenmächtigkeit stark verärgert. Die Verstimmung ist so groß, dass Mayer-Vorfelder sogar mit einer Gegenkandidatur auf dem DFB-Bundestag am 22./23. Oktober in Osnabrück rechnen muss. Der frühere VfB-Präsident erklärte: "Ich bedauere die Entscheidung von Ottmar Hitzfeld, aber ich habe sie zu respektieren. Über die neue Situation und die Namen möglicher Kandidaten für das Bundestrainer-Amt wird im DFB-Präsidium am Montag zu beraten sein."

Ausländische Teamtrainer nicht gefragt

Im Verlauf der bisherigen Suche war Griechenlands Teamchef Otto Rehhagel als Kandidat durch eigene Absage ausgefallen. Der ebenfalls als Völler-Nachfolger gehandelte Ex-Austria-Coach Christoph Daum (Fenerbahce) ist in der DFB-Spitze wegen seiner Kokain-Affäre nicht vermittelbar. Weitere Spitzentrainer wie Jupp Heynckes (Schalke 04), Felix Magath (Bayern München) und Matthias Sammer (VfB Stuttgart) haben vertragliche Bindungen. Ausländische Trainer wie der Niederländer Guus Hiddink oder der Elsässer Arsene Wenger sind nach Ansicht von DFB-Vizepräsident Engelbert Nelle "nicht durchsetzbar".

Das Dilemma des DFB besteht nun auch darin, dass bereits am 18. August in Wien gegen Österreich das nächste Länderspiel stattfindet. Da das DFB-Team als Gastgeber der WM 2006 keine Qualifikationsspiele bestreiten muss, könnte zunächst auch nach einer Übergangslösung gesucht werden.(APA/dpa)

  • Hitzfeld sagt ab.

    Hitzfeld sagt ab.

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