Spurensuche im fürstlichen Gebein

9. Juli 2004, 20:06
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Ein italienischer Pathologe exhumiert die Mitglieder des Fürstengeschlechts der Medici

Die Liste seiner prominenten Patienten ist lang. Könige sind darunter, Musiker von Rang, bekannte Maler und asketische Mönche. Eines haben sie alle gemeinsam: Keiner von ihnen hat sich freiwillig in die Behandlung von Gino Fornaciari begeben. Angesichts der Sägen, Bohrer und Skalpelle, mit denen der 58-jährige Pathologe der Universität Pisa seiner Arbeit nachgeht, wäre das auch keinem vernünftigen Menschen zuzumuten. Ein Zweites verbindet Fornaciaris Patienten: Sie sind schon vor Jahrhunderten aus dem Leben geschieden.

Den Überresten Verstorbener weiß der Paläopathologe unzählige Geheimnisse zu entlocken. "Auch nach Jahrhunderten genügt ein Haar oder ein Fingernagel, um eine Arsenvergiftung nachzuweisen", schwärmt Fornaciari, der an König Heinrich VII. von Hohenstaufen die Lepra und an Maria von Aragon die Syphilis diagnostizierte. König Ferrante von Aragon starb 1494 an Darmkrebs als Folge übermäßigen Fleischgenusses, der 1231 verstorbene Antonius von Padua litt dagegen unter Anämie als Folge fleischloser Kost und langen Fastens. Seine Fersensehnen lassen auf ausgedehnte Fußmärsche schließen.

"Fehldiagnose"

Jetzt hat Fornaciari in den Cappelle Medicee in Florenz das Hauptquartier für sein bisher umfangreichstes Forschungsprojekt eingerichtet. 49 in der prunkvollen Familiengruft bestattete Angehörige der Medici-Sippe sollen Aufschluss geben über die Lebensbedingungen des schillernden Familienclans, der Florenz drei Jahrhunderte lang beherrschte. Wie lebten sie? Was stand auf ihrem Speiseplan, unter welchen Krankheiten litten sie? Eine davon ist bekannt: die Gicht. Sie plagte die Adelsfamilie scheinbar so stark, dass einer der Sippe gar als "Piero der Gichtige" (1416-1469) in die Geschichte einging.

Fornaciaris Mitarbeiterin Donatella Lippi hegt daran berechtigte Zweifel: "Es war wohl kaum Gicht. Was man damals so nannte, waren eher rheumatische Beschwerden anderen Ursprungs", mutmaßt die Medizinhistorikerin. Eine detaillierte Untersuchung der Gebeine soll nun klären, ob die Krankheit familienbedingt war oder Folge einseitiger Ernährung. "Das ist eine interessante Fallstudie über das Leben von Reichen und Berühmten", freut sich Ägyptologe und Mumienexperte Bob Krier von der Long Island Uni in New York, der dem Team ebenso angehört wie Archäologen, Anthropologen, Molekularbiologen und Medizinhistoriker.

Doch eine mächtige Dynastie wie die Medici hatte auch viele Feinde. Das macht neben den Lebensbedingungen vor allem die Begleitumstände ihres Todes interessant, die Anlass zu unzähligen Gerüchten boten. Hat Fürst Paolo Giordano Orsini seine des Ehebruchs verdächtigte Gattin Isabella von Medici 1576 wirklich mit einem Seidentuch erdrosselt? Starb der legendenumwitterte und von den deutschen Landsknechten als "Böser Teufel" verdammte Medici-Haudegen Giovanni delle Bande Nere wirklich am Wundbrand nach der Amputation seines rechten Beines?

Malaria oder Mord?

Schon der erste Medici-Spross, der vor zwei Wochen aus der Gruft gehoben wurde, gab Anlass zu Spekulationen. Don Giovanni, einer der Söhne Cosimos von Medici, starb 1562 im Alter von 19 Jahren. Litt er wirklich an Malaria oder wurde er von seinem Bruder Garcia ermordet? Giovannis Gebeine befanden sich ebenso in gutem Zustand wie jene seines Bruders und potenziellen Mörders Garcia. "Die waren allerdings nicht mehr richtig angeordnet", berichtet der Pathologe - möglicherweise Folge einer ersten Exhumierung 1857.

Fast die gesamte Medici-Ahnengalerie wandert nun in den Computertomografen. DNA-Proben, Röntgenbilder, Knochenanalysen, toxikologische und histologische Untersuchungen an Geweberesten sollen die Lebensgewohnheiten der Renaissancedynastie bis ins letzte Detail erkunden. Der mächtigste Vertreter des Geschlechts bleibt allerdings vom Großangriff medizinischer Technologie verschont: das Grab des Michelangelo-Mäzens Lorenzo des Prächtigen zieren Skulpturen des berühmten Meisters, die nicht beschädigt werden dürfen.

Den Ergebnissen des Forschungsprojekts blicken neben Anthropologen vor allem Historiker mit Neugier entgegen. Der Paläontologe Francesco Mallegni von der Universität Pisa zum Projekt Medici: "Wir versuchen, das zu ergründen, was uns die Geschichte verschwiegen hat - aus Nachlässigkeit, Absicht oder Unwissenheit." (Gerhard Mumelter aus Rom/DER STANDARD, Printausgabe, 2.7.2004)

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