Faschistenmafia im Cyberspace

13. Juli 2004, 10:51
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In Deutschland und zunehmend auch in Österreich kursiert rechtsextremer Propagandamüll - In Russland agieren kriminell organisierte "Cyberfaschisten" als Virenschreiber

Dass Neonazis vor wenigen Wochen in Deutschland einen Großangriff mit Propaganda-E-Mails starteten, traf Internetnutzer völlig überraschend. Die meisten automatischen Filterprogramme waren bisher nur darauf eingestellt, kommerzielle oder pornografische Angebote auszusondern. Zwar hatten Neonazis bereits im Jänner 2003 eine Welle von ausländerfeindlicher Hetzpropaganda via E-Mails in Umlauf gebracht, griffen dabei aber auf Computer rechter Aktivisten im Ausland zurück. Jetzt aber missbrauchten sie infizierte fremde Server zur Verbreitung ihrer Botschaften. Viren-schreiber und Spam-Sender in Allianz – die von Experten immer häufiger beobachtete Kooperation wurde anscheinend auch von der faschistischen Szene entdeckt.

Russland

Dass diese offenbar gehörig in der Internetkriminalität mitmischt, weiß gerade Russland. Als kürzlich der Computervirus Korgo auftauchte, geriet eine seit einigen Jahren aktive Hackergruppe wieder ins Visier der Spezialisten. Laut der finnischen Antivirusfirma F-Secure soll das berüchtigte russische "Hangup-Team" den Virus, der Daten von Kreditkartenbesitzern während eines Onlinekaufs oder einer Internetbestellung stiehlt, geschrieben haben.

Hangup-Team

Diese Einschätzung teilt auch die renommierte russische Firma für Antivirenprogramme Kaspersky-Lab: "Die von den Würmern zum Empfang der Kommandos benützten Adressen der Server und Kanäle decken sich mit den Adressen eines Wurmes, der eindeutig vom Hangup-Team kommt", erklärt deren Sprecher Alexej Sernov gegenüber dem STANDARD.

Unterricht im Virusschreiben

Laut Sernov handelt es sich beim Hangup-Team um eine "wild faschistische Gruppe". Ihre Homepage ziert ein dämonisches Hakenkreuz, die Gruppe selbst nennt sich "Cyberfaschisten". Hangup-Team ist den Internet-Sicherheitsexperten schon seit einigen Jahren als russische Gruppe von Hackern, Virenschreibern und Spammern bekannt. Er hält es durchaus für möglich, dass auch der gefährliche Computervirus MyDoom vom Hangup-Team kommt. Laut Sernov rühmt sich die hochqualifizierte Hackergruppe einer aktiven Propaganda für Spams, trägt ihre Dienste zum Versenden von "schmutzigen" Briefen und schädlichen Programmen an sowie zum aktiven Erfahrungsaustausch und zum Unterricht im Virusschreiben.

Organisierten Kriminalität

Wie stark Hangup-Team mit der Organisierten Kriminalität verbunden sei, lässt sich laut Sernov nicht feststellen. Aber es sei klar, dass sie selbst eindeutig organisiert agiert und zudem verbrecherisch auf den Diebstahl von Finanzinformationen und der Vernichtung wertvoller Informationen auf den infizierten Computern zielt. Auf ihrer Internetseite liefert Hangup-Team sogar ein Jahresresümee seiner Tätigkeit. Gemäß dieser Aufstellung haben amerikanische Internetbenützer an die 50 Millionen Spams erhalten, 1,5 Millionen Computer wurden mit Viren infiziert, der Umfang der Files mit gestohlenen Passwörtern beläuft sich auf "über fünf Gigabite".

Computerkriminalität

Dass Osteuropa, Russland und die Ukraine mehr Internetkriminalität aufweisen als andere Länder, lässt Vladimir Golubev, Direktor des ukrainischen Computer Crime Research Center jedoch nur bedingt gelten. Mit zunehmender Verbreitung des Internet sei jedes Land mit der problematischen Zunahme der Computerkriminalität konfrontiert. "Die Gefahr der Bedrohung durch Hacker aus Osteuropa und anderen Weltregionen hat also nicht technische, sondern soziale Wurzeln: Der Ärmere war immer eine Bedrohung für den Reicheren." ((Der Standard Printausgabe, 1. Juli 2004, Eduard Steiner aus Moskau)

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    montage: webstandard
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