Auf Lava gebaut

24. Mai 2005, 15:26
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Essaouira: Mit ihrer autofreien Medina und vielen neuen "maisons d'hôtes" macht sich die einstige Hippieenklave bereit für einen neuen Tourismus

Was ist Wahrheit und was ist Lüge? Wahr wäre etwa, wenn man sagte: Essaouira, das sind herrliche Sandstrände, das ist ein strahlend blauer Himmel und kristallblaues Meer. Trotzdem würde diese Wahrheit einer Lüge alle Ehre machen, denn der Reisende wäre zu Recht verstört, wenn er den schönen Worten folgend seinen Weg zum marokkanischen Städtchen am Atlantik genommen hätte, er wäre empört, erzürnt und enttäuscht.

Denn Essaouira ist zwar alles das. Aber zur Wahrheit gehört mehr, da gehört vor allem der Wind dazu, dieser kalte Wind, der fast stetig und meistens heftig weht und den Sonnenhungrigen und Bräunungswilligen einen Urlaub tüchtig zu vergällen vermag. Essaouira, "the wind city Africa", ist keine Destination für jene, die gerne den Massenvergnügungen frönen.
Ungefähr auf halbem Weg zwischen Casablanca und Agadir und zweieinhalb Stunden von Marrakesch entfernt thront Essaouira, oder Mogador, auf einer schroffen Meereskante. Der strategisch ideale Ort war übrigens schon den Phöniziern bekannt. Portugiesen, Spanier und wer immer benützten ihn, um ihre Interessen zu verteidigen.

Auf der vorgelagerten Ile de Mogador wurden während der Antike Purpurschnecken gezüchtet, die jenen Farbstoff absondern, den die Römer für ihre Prunktogen teuerst bezahlten. Fischerhafen, Handelsort und Zwischenlager auf der Sklavenroute. Drei Dutzend Konsulate gab es, als Essaouira am prächtigsten blühte, weil Muslime, Christen und Juden geschäftstüchtig mit einander zu verkehren wussten.

Ein weiser Sultan ließ die portugiesische Festung zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach französischer Art verändern, vergrößern und verschönern. Eine hohe, starke Ummauerung, schnurgerade Boulevards und ein Gassengewirr um weiß getünchte Häuser mit ihren blauen Tür- und Fensterstöcken herum. Große Plätze mit Kaffeehäusern. Märkte für Fisch, Fleisch und Früchte, Gemüse, Gewürze und Getreide und für Trödel aller Art: So entstand eine Stadt, die ganz orientalisch ist und dennoch den Europäer eigenartig vertraut dünkt.

Diese Medina gibt es noch, sie ist ganz und gar autofrei und sie ist ruhig, ohne deshalb still zu sein. Die Stoffweber, Holzschnitzer, Trommelbauer und Köderbesetzer gehen ihren Beschäftigungen mit biblischer Gelassenheit nach, und von den Bettlern über die korrupten Polizisten bis hin zu den seltsamen Europäern, die sich hier in einer zweiten Heimat niedergelassen haben, um doch immer nur fremd zu bleiben, leben alle gemütlich in den Tag hinein, wenn man sie bloß in ihrer Selbstzufriedenheit nicht stört, die ebenso gottgefällig wie leutselig ist. Ja, und dann gibt es noch die heimlichen Herrscher der Stadt, die Möwen und Katzen, die das Menschentreiben mit Hochmut und Nachsicht betrachten.

Essaouira war lange Zeit ein Lieblingsziel für Rucksacktouristen und für all jene, die sich irgendwie mit dem Begriff Hippie beschreiben lassen. Jimmy Hendrix, Frank Zappa, Cat Stevens und wer noch haben hier gekifft und Musik gemacht. Sie sind im Andenken der Einheimischen unvergessen. Essaouira hat nämlich während der vergangenen Jahrzehnte eine schwierige Zeit und einen dramatischen Niedergang erlebt.

Die Konsulate: geschlossen. Die Juden: abgereist. Die Fischereiindustrie: verödet. Die Bewohner: arbeitslos. Das Städtchen bröselte und wäre vielleicht in seinem eigenen Dreck ersoffen, wenn es nicht ein paar Liebhaber gegeben hätte, die trotz allem an die Zukunft glaubten. Aber jetzt! Essaouira erwacht. Das marokkanische Königshaus hat endlich das Potenzial für den Tourismus entdeckt und fördert nun alles, was diesem auch nur irgendwie dienen könnte.

Restaurants schießen wie Pilze aus dem Boden. Zahlreiche Hotels und "maisons d'hôtes" versuchen, der berühmten Villa Maroc Konkurrenz zu machen. Golfplätze sollen gebaut werden. Die Immobilienpreise steigen. Ist das besondere Flair der Stadt in Gefahr? Aber nein! Essaouira ist auf erstarrter Lava gebaut, gegen die seit Urzeiten das Meer anstürmt, um sich trotzdem immer wieder geschlagen zurückziehen zu müssen. Den Ansturm der Moderne wird die Stadt mit Leichtigkeit parieren.

Man weiß hier, wie man die Zeit zum Stehenbleiben zwingen kann. Die Einheimischen sind gelassen, großzügig und tolerant. Sie nehmen die Marotten der Fremden mit amüsiertem Achselzucken in Kauf. Sie leben ihr Leben, das vom Islam geprägt und in vielen Aspekten ganz und gar mittelalterlich ist und mit der Gegenwart allenfalls kokettiert. Wahr ist, dass es wenig zu tun gibt und man einem Fremden nur schwer vermitteln kann, wie er hier ein paar Tage oder eine ganze Woche über die Runden bringen soll. Dennoch käme auch diese Wahrheit einer Lüge nah. Weil fast jeder, der seinen Fuß in das Städtchen setzt, am Ende länger bleibt als geplant. Vielleicht, weil die Sonnenuntergänge besonders berauschend sind? Oder weil man sich am Menschentreiben nicht satt zu sehen vermag? Vielleicht auch, weil hier die Zeit, indem sie stehen zu bleiben scheint, wie besessen rast? (Der Standard/rondo/2/7/2004)

Von Christoph Braendle

Der Schriftsteller lebte und arbeitete während der vergangenen 18 Monate in Marokko, zuletzt erschien im Picus Verlag "Der Unterschied zwischen einem Engel".
  • Die Befestigungsmauer von Essaouira
    marokkanisches fremdenverkehrsamt

    Die Befestigungsmauer von Essaouira

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