Gerichtsgeschichte: Wo ist der Kurzreiter?

1. Juli 2004, 22:39
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Es gibt Männer im Rotlichtmilieu, die müssen nichts tun, die müssen einfach nur sein

Wien - Es gibt Männer im Rotlichtmilieu, die müssen nichts tun, um etwas zu bewirken, die müssen einfach nur sein. Der Staatsanwalt bezeichnet sie als "eine Art Schutztruppe von großen, finster dreinblickenden Gesellen". Man kann sie auch "Rollkommando" nennen, aber das widerspricht dem Trägheitsgesetz. Fünf dieser Herren, sauber herausgeputzt wie Toyota-Verkaufsleiter, geben dem Richter die Ehre und knechten die Anklagebank. "Normalerweise haben vier in einer Reihe Platz", weiß der Kläger. Von diesen Herren gehen sich nur drei aus, und die scheinen einander an den Schultern zu berühren.

Damals, am 31. Oktober 2003, stülpten sie sich aus einem schwarzen Milieudienst-BMW, bauten sich vor einem Gürtel-Lokal auf und riefen: "Wo ist der Kurzreiter?" - Wie es der Zufall wollte, war Herr Kurzreiter tatsächlich anwesend. Aber nicht lange. "Im Zweifel bin ich geflüchtet", sagt er.

"Wo ist der Kurzreiter?

Akademisch stellt sich die Frage, ob die Bemerkung "Wo ist der Kurzreiter?" in Kombination mit dem Anblick "Petzis" (2,18 Meter groß) "Dinos" und Kollegen den Tatbestand der gefährlichen Drohung darstellt. - Nein, sagt der Richter, (um die Herren ein bisschen aufzumuntern): "Nichts daran widerspricht dem Gesetz."

Akzeptanz rauer Sitten

Der sechste Angeklagte ist klein, fröhlich und Betreiber mehrerer Bars. Dass er ein Chef der Wiener Unterwelt ist, glaubt er nicht. Auf seine Akzeptanz rauer Sitten angesprochen erklärt er: "Ein Spielautomatengeschäft ist keine Apotheke." Die Herren hat er damals ein bisschen "zur Hilfe gerufen", Herr Kurzreiter hatte ihn im Streit um den Besitz eines Lokales genervt. Natürlich hätte man den Konflikt auch eleganter lösen können. "Aber ein Zivilverfahren dauert ein Jahr", weiß der Angeklagte. Die Herren brauchten nur wenige Sekunden. Seit sie im "Verein freies Wien" organisiert sind und für Spezialauftritte gemietet werden können, sei die Szene friedlich geworden, schwärmt einer der Anwälte: "Seit zehn Jahren kein Toter am Gürtel mehr."

Zwei Ohrfeigen am Rande werden mit einer kleinen bedingten Strafe quittiert. Eine Stahlrute wird eingezogen. Der Rest ist Freispruch. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 1.7.2004)

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