Hoffnungsschimmer für Serbien

9. Juli 2004, 14:19
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Ist die Wahl von Boris Tadic zum Präsidenten Serbiens auch einen Sieg der "europäischen Zukunft" Serbiens? - Kolumne von Paul Lendvai

Bedeutet die Wahl des demokratischen Politikers Boris Tadic zum Präsidenten Serbiens, sein Sieg über den nationalistischen Radikalen Tomislav Nikolic auch einen Sieg der "europäischen Zukunft" Serbiens? Seine Anhänger jubelten über diesen "Sieg der Zukunft über die Vergangenheit", die Wähler hätten damit bekräftigt, dass der Weg Serbiens "unumkehrbar" durch den Sturz von Slobodan Milosevic im Oktober 2000 bestimmt sei, sagte der 46-jährige diplomierte Psychologe Tadic. Oder handelt es sich hier nur um einen kurzfristigen Erfolg der lange zerstrittenen demokratischen Kräfte, die nun angesichts der Gefahr der totalen Isolation in Europa eine Koalition der Vernunft gegen den nationalistischen Sieger der ersten Runde gebildet haben?

Es besteht kein Zweifel, dass alle Freunde Serbiens über das Ergebnis (53,5 Prozent für Tadic in der Stichwahl bei einer Wahlbeteiligung von über 48 Prozent) erleichtert sind. Der sympathische, persönlich integere und aus einer international bekannten Dissidentenfamilie stammende Tadic ist ein Garant dafür, dass trotz der Stärke der Nationalisten im Belgrader Parlament die Rückkehr in nationalistische Zeiten durch den obersten Repräsentanten Serbiens verhindert, aufgehalten und unter Umständen sogar unmöglich gemacht werden kann.

Als Nachfolger des im März 2003 ermordeten Ministerpräsidenten Zoran Djindjic an der Spitze der demokratischen Partei und als Verteidigungsminister hatte er schon sein Engagement für ein "europäisches Serbien" wiederholt unter Beweis gestellt. Für jene Intellektuellen, die seinerzeit die Tätigkeit der kritischen und von der Partei oft gemaßregelten Philosophen um die Zeitschrift Praxis und die Rolle des wortgewaltigen Professors Ljubomir Tadic kennen, bedeutet der Aufstieg seines Sohnes eine zusätzliche Pikanterie. Gerade die jüngste Geschichte Serbiens sollte vor allzu großen Hoffnungen oder Illusionen warnen.

Die Begleitumstände der Ermordung des Modernisierers Djindjics und der höchst merkwürdige Belgrader Prozess gegen den mutmaßlichen Drahtzieher bilden den düsteren Hintergrund zu den Fraktionskämpfen quer durch die politische Landschaft. "In der Politik, vor allem ganz oben, gibt es keine Freundschaft", sagte einmal Churchill. Dies gilt erst recht für ein Land ohne demokratische Tradition. Die Streitereien zuerst zwischen Djindjic und dem zeitweiligen Präsidenten und gegenwärtigen Premier Vojislav Kostunica, dann der Zerfall der demokratischen Partei des ermordeten Djindjic, und der Machtkampf innerhalb des Lagers der Reformer hatten den Aufschwung jener Nationalisten begünstigt, deren Chef Vojislav Seselj seit Februar 2003 in Den Haag für Verbrechen gegen die Menschlichkeit inhaftiert ist und auf seinen Prozess wartet.

Bei einer Inflationsrate von fast 30 Prozent und 950.000 offiziell registrierten Arbeitslosen, beim Zurückbleiben der technischen Standards serbischer Unternehmen um 19 Jahre hinter denen der EU-Firmen, und bei einem nominellen Durchschnittseinkommen von 174 Euro ist keine Zeit zu verlieren. Es hängt allerdings, entgegen den Mahnungen mancher westlicher Kommentatoren, nicht in erster Linie von der Hilfsbereitschaft Brüssels, sondern von der politischen Reife der Spitzenpersönlichkeiten im demokratischen Lager ab, ob endlich eine handlungsfähige Regierungskoalition gebildet werden kann.

Es gibt keine andere Option, sonst würde man die Chance für eine Wende wieder verspielen. Der Sieg von Tadic ist also ein Hoffnungsschimmer - aber noch nicht mehr. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.7.2004)

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