Sommer der Unterforderung

3. Juli 2004, 14:53
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Wellness-Jazz beim Jazzfest Wien: Der Trompeter Till Brönner im Porgy & Bess

Wien - Zeiten der CD-Krise schließen die Existenz von Zeitgeistlieblingen nicht aus. Punktgenau hat Trompeter Till Brönner erkannt, dass die Klangmode auf der Suche nach als leichte Kost verpackter schwerer Kunst ist und all jene um sich schart, die bereit sind, unter dem Begriff Crossover tätig zu werden. Brönner war nicht nur bereit. Er hatte tatsächlich auch die Voraussetzungen dazu.

Schwiegermutterkompatible Ausstrahlung mit einem Schuss James Dean. Dazu eine sehr versierte Art, die Trompete singen zu lassen und ein durchaus glaubwürdiger Hang zu popmusikalischen Moden. Zudem auch noch das Bekenntnis, dass man seine Musik getrost als Begleiterscheinung alltäglicher Tätigkeiten gebrauchen darf.

Chattin' with Chet und Blue-Eyed Soul ergaben zwei runde CD-Sachen im Kosmos des Wellness-Jazz. Brönner wurde zum kleinen Star, Jazzdoyen Albert Mangelsdorff war sauer auf ihn. Das brachte allerdings nur noch mehr Publizität. Die Neuheit, die nun unter dem Titel That Summer auch in den Popcharts unter den ersten 20 rangiert, hat den Bogen in puncto Selbstunterforderung und Trivialität jedoch überspannt; auch live - im Porgy & Bess - wirkt die Sache nicht besser:

Mit dem gewissen Nichts in der Stimme haucht er Eigenbaupoplieder, deren Dürftigkeit fassungslos macht. Mit so einer Performance würde Brönner bei jeder ersten "Starmania"-Qualifikationsrunde vorzeitig nach Hause laufen müssen. Ein Vergleich mit dem singenden Vorbild Chet Baker - der früh verglühte Trompeten-Tragöde des Cool Jazz sang sich mit smart eingesetzten beschränkten Mitteln in die Musikgeschichte - verbietet sich da schon aus Mitleidsgründen.

Klammern wir uns an das Anspruchsvolle, das in Brönner durchaus schlummert, an die eleganten kleinen Soli: Sie vermitteln jene jazzige Kernkompetenz, die der junge Mann mit den Mitteln Timing, Technik und Traurigkeit ausspielt. Bitte, von nun an mehr davon. Auch damit lässt sich Kohle verdienen.
(DER STANDARD, Printausgabe, 1.7.2004)

Von Ljubisa Tosic
  • Till Brönner: Setzt zurzeit auf seine Kern-Inkompetenz, Singen und Pop
    foto: universal

    Till Brönner: Setzt zurzeit auf seine Kern-Inkompetenz, Singen und Pop

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