
Mit Blut an den Fahnen ziehen die Griechen in den Trojanischen Krieg. Bei Art Carnuntum angeblich auch lanzenbewehrte halb nackte Männer
Umso mehr, als dort im grasüberwachsenen Burggraben ein Haufen lanzenbewehrter halb nackter Männer mit archaischem Gebrüll und martialischen Trommelschlägen ihre Gefangenen ebenso vor sich herscheuchten wie das Publikum:
So wollte es Andrei Serbans Inszenierung von Euripides' Tragödie Die Troerinnen, mit der der legendäre LaMama Experimental Theatre Club (so die heutige Bezeichnung), Institution des Off-Off-Broadway aus New Yorks Lower East Side, erneut bei Art Carnuntum gastierte.
Radikale Adaptierung
Ein couragiertes Antikriegsstück wie dieses, das schon 415 v. Chr. eine der stolzesten Erinnerungen der Griechen, den gemeinsamen Feldzug nach Troja, als verbrecherische Gräueltat entlarvte, legt heute a priori eine bestimmte aktualisierende Deutung nahe. Doch Serban hatte mit seiner radikalen Adaptierung wohl anderes im Sinn: Die Schicksalsgemeinschaft von Sieger und Besiegten ist es, die hier akzentuiert wird, stellvertretend für eine ethisch und wirtschaftlich vernetzte Welt, in der die langfristigen Folgen der Niederlage auch den vormalig Überlegenen treffen können.
Obwohl an Gräueln nichts ausgespart bleibt: Rings um das Publikum wird auf Podesten über jene Troerinnen verfügt, die nach der Einnahme der Stadt und der Meuchelung der wehrfähigen Männer als Kriegsbeute ihren neuen Herren zugeteilt werden. Polixenia wird dem gefallenen Achilleus als "Grabmagd" ins Jenseits hinterhergeschickt, Andromaches kleiner Sohn Astianax als potenzieller Erbe des trojanischen Königsthrons von den Mauern gestürzt. Mit Helena, der untreuen Gattin des Menelaos, die mit Alexandros nach Troja durchbrannte und so Anlass des Rachefeldzugs war, wird ebenfalls kurzer Prozess gemacht: An ihr darf sich der Bär gütlich tun.
Zu den von Elizabeth Swados grandios entworfenen, an Schamanenritualen orientierten Gesängen und elementaren Instrumentalklängen von Posaune, Flöte und Perkussion vollzieht sich ein grausiges Schauspiel, in dem vor allem George Drance als teuflisch böser Hauptmann brilliert. Und doch, als man sich schon der Overkill-Grenze nahe fühlt, erfährt die Tragödie doch noch eine Wendung. Im Zuge der Totenfeier für Astianax finden sich Griechen und Trojaner erstmals Seite an Seite wieder.
Im selben Boot
Die Ketten der Frauen mutieren zu Banden der Gemeinschaft, der Stärke und lassen sie ihr Schicksal annehmen. Sie werden auf die Schiffe der Griechen verfrachtet werden, deren Vernichtung Poseidon und Athene längst beschlossen haben. Sieger und Besiegte, Eroberer und Gefangene, sie sitzen am Ende dieses eindrucksvollen Theaterabends sinnbildhaft im selben Boot.
(DER STANDARD, Printausgabe, 1.7.2004)
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