Den Herren leicht suspekt

8. Juli 2004, 19:11
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Frankreich feiert den 200. Geburtstag der furiosen Dichterin George Sand (1804-1876)

Nohant/Paris - "Freiheit, Gleichheit, Solidarität" war die Devise der Schriftstellerin George Sand, die heute vor 200 Jahren in Paris geboren wurde. Ganz Frankreich feiert dieses touristische Ereignis am 3. Juli auf dem Gut in Nohant, der eigentlichen Heimat der als Amandine Lucile Aurore Dupin geborenen Dame.

Ihr Leben war ebenso abwechslungsreich und engagiert wie die fast 100 Romane, Novellen und Theaterstücke der Sand, die auch interessante politische Schriften verfasste. Ihre Korrespondenz umfasst nicht weniger als 27 Bände, mit Flaubert, Balzac, Turgenjew über den politischen Revolutionär Armand Barbès bis zu Auguste Delacroix.

Aurore Dupin wird ihrer Mutter von der Großmutter väterlicherseits praktisch "abgekauft" und in der Adelstradition erzogen. Mit 18 Jahren heiratet sie François Casimir Dudevant, mit dem sie zwei Kinder hat. Als sie 1830 den 19-jährigen Schriftsteller Jules Sandeau kennen lernt, geht sie mit ihm nach Paris, um journalistisch zu arbeiten. Als Pseudonym wählte sie den ersten Teil seines Namens.

Am Gut Nohant, das Aurore Dupin von ihrer Großmutter erbt, lädt Europas Künstlerwelt ein. Ein Besuch heute erschließt das Verständnis für Charakter und Werk der Dichterin auf berührende Weise. In der geräumigen Küche hat George Sand eigenhändig Marmeladen eingekocht ("Man signiert Marmelade genauso wie Bücher!").


Humanitäres Ideal

Die Reise dorthin führt durch das "schwarze Tal", das George Sand und ihr Sohn Maurice auf Aquarellen festhielten. Die Bilder entsprechen den Landschaftsbeschreibungen in den Romanen. Einer der berühmtesten, Das Teufelsmoor (1846), nimmt ein immer wiederkehrendes Thema auf, das Überbrücken sozialer Unterschiede durch die absolute Liebe. Auch Der Müller von Angibault (1846) propagiert in einem ländlichen Rahmen das Aufgeben sozialer Unterschiede und mit Der französische Handwerksbursche vertritt Sand ein soziales und humanitäres Ideal.

Ihr Meisterwerk, Consuelo (1843), entsteht während der neunjährigen Liaison mit Frédéric Chopin, der zwei Drittel seines Werks in ihrer Nähe komponierte. Dieser sentimentale, monumentale Roman ist symptomatisch für den Stil der George Sand, deren Dialoge noch heute eine reine Lesefreude sind. Besonders in den ersten Romanen konstatiert man autobiografische Züge. Sie und er, erst 1859 veröffentlicht, löste einen Skandal aus, weil Sand darin ihren Venedig-Aufenthalt mit dem typhuskranken Alfred de Musset einbringt.

Die rauchende Dame in Hosen, die Mann und Kinder verließ und wie besessen schrieb, um ihre Unabhängigkeit abzusichern, war den Herren leicht suspekt. Ihre Großzügigkeit gewann jedoch die Herzen aller. Sie pflegte den tuberkulösen Chopin, über den sie immerhin schreibt, er sei "nicht für die Freuden der Liebe" gemacht, und saß Delacroix Modell für ein Porträt, das derzeit im Pariser Musée de la Vie romantique, gemeinsam mit dem Porträt Chopins, hängt.
(DER STANDARD, Printausgabe, 1.7.2004)

Von
Olga Grimm-Weissert
  • Sie schrieb ihm, er malte sie: George Sand, porträtiert von Delacroix (Ausschnitt)
    foto: heymann

    Sie schrieb ihm, er malte sie: George Sand, porträtiert von Delacroix (Ausschnitt)

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