Schlangenbeschwörer im Harem

5. Juli 2004, 22:38
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Die 50. Kunstauktion im Kinsky bestätigte Maria Lassnig als Ausnahmeerscheinung

Eine Ausnahmestellung innerhalb der heimischen Kunstszene, so merkt Otto Hans Ressler im Rückblick auf die am 22. und 23. Juni abgehaltene 50. Kunstauktion im Kinsky (Alte Meister, Bilder des 19. und 20. Jahrhunderts sowie zeitgenössische Kunst, Antiquitäten und Jugendstil) an, bewies die österreichische Künstlerin Maria Lassnig zum wiederholten Male.

Nach dem bei den Wiener Kunst Auktionen im Kinsky aufgestellten Rekord von 2001 - damals brachte Maria Lassnigs Woman Power rund 159.000 Euro (brutto) - und dem bereits 1997 mit umgerechnet etwas mehr als 87.000 Euro dotierten Besitzerwechsel für Sciencefiction, wartete man gespannt auf die Nachfrage dieser neuerlich angebotenen Arbeit aus dem Jahr 1963:

Die Antwort belief sich auf netto 140.000 Euro, was sich inklusive Aufgeld mit mehr als 170.000 Euro beziffern lässt. Für eine weitere Überraschung sorgte eine Arbeit Paul Joanovits, international als Joanovitch (1859-1957) geläufig: Der Rekordpreis für den serbischen, in Wien ausgebildeten Maler verbuchte Christie's in London im Juni 1999, als man den Schlangenbeschwörer von 1887 für knapp 170.000 Euro zuschlug.

Überschätzt

Und sofern Marktfrische gegeben ist, darf man sich auch in Wien über entsprechende Nachfrage freuen. An einem Beispiel erläutert: Das 76 x 61 cm große Gemälde Im Harem, wurde im April 1997 erstmals von P. Thomas & Partners in New York für 5300 Euro versteigert, gefolgt von Christie's in London im Juni 1998 für 21.400 Euro, im Dorotheum in Wien war bei einer Schätzung von 45.000 bis 65.000 Euro dann Endstation, das Bild blieb unverkauft.

Im Gegensatz dazu steht die jetzt im Kinsky angebotene (im Katalogtext undatierte) Fechtstunde. Der verlockende Rufpreis von 25.000 Euro motivierte schließlich zu 80.000 Euro und damit zu einem Vielfachen der Erwartungen sowie dem zweithöchsten jemals erzielten Auktionsergebnis.

Zuschläge wie diese könnten ebenso wie das respektable Ergebnis des ersten Tages von etwas mehr als 680.000 Euro (netto inklusive Zuschläge unter Vorbehalt) die ob der in dieser Sparte niedrigen Verkaufsquote von 41 Prozent etwas geknickte Expertenschaft ebenso hinwegtrösten wie die mangelnden Rekordflüge am zweiten Tag.

In der Sektion Jugendstil und Antiquitäten durfte man sich bei den Wiener Kunstauktionen über eine weit höhere Zuschlagsquote als zuletzt ebenso freuen wie über die laut Otto Auktionator Hans Ressler "einmalige Situation", hier dem Käuferpublikum mit 1,14 Millionen Euro einen deutlich höheren Umsatz entlockt zu haben wie in der Stammsparte (insgesamt 1,82 Millionen netto).

Neben den üblichen Jugendstil-Blue-Chips - eine Hoffmann-Brosche kletterte von 25.000 auf 50.000 Euro, eine Peche-Spiegel von 10.000 auf 24.000 Euro oder eine Weltausstellungsvase Marke Lötz von 17.000 auf 30.000 Euro - besserte die Sparte Antiquitäten ihre jüngere Statistik deutlich auf. Der Du-Paquier-Elefant, wohl Modell für eine bemalte Version, die Karl VI. dem russischen Zaren schenkte, fand als Rarität im erwarteten Bereich bei 100.000 Euro (70.000-120.000) einen neuen Besitzer. Und ein Objekt sorgte beim Zuschlag für den nur sehr selten einfallenden Publikumsapplaus: Für eine oberitalienische Kommode hatten sich nicht nur Saal-, sondern vor allem Telefonbieter eingefunden, die das Barockstück von 20.000 Euro über die obersten Erwartungen von 40.000 Euro bis zu einem Hammerpreis von 95.000 Euro steigerten.
(DER STANDARD, Printausgabe, 1.7.2004)


Von
Olga Kronsteiner

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