Nichts zu verlieren

9. Juli 2004, 14:19
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Die FPÖ ist sicher nicht mit normalen Maßstäben, die an andere Parteien angelegt werden, zu messen - Von Walter Müller

Die FPÖ ist sicher nicht mit normalen Maßstäben, die an andere Parteien angelegt werden, zu messen. Die FPÖ ist ein völlig unberechenbares Chaosgebilde oder, wie es der Frontmann des rechten Flügels, Ewald Stadler, postulierte, "eben eine Bewegung". Und sie sollte sich hüten, so etwas wie eine normale Partei zu werden. Mit einer völkischen Bewegung in Stadlers Sinn dürfte es der ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel demnächst vermehrt zu tun bekommen, wenn diese beim FPÖ- Sonderparteitag in Linz die Oberhand bekommt. Wenn nicht, wird’s für Schüssel auch nicht leichter.

Denn Stadler hat beim Rebellentreffen der rechtsnationalen Fraktion im "Haus der Heimat" unmissverständlich und unbeugsam klar gemacht, dass sein Lager eine Änderung des Kurses der FPÖ in der Regierung herbeiführen wolle. Auch auf die Gefahr hin, dass die Koalition daran zugrunde geht. Er will zurück zu jenen oppositionellen Positionen, als die FPÖ noch keine Regierungspartei war. Den Ärger über den Niedergang seiner Partei wandelt Stadler in Hass gegen die ÖVP um, der er das Schicksal der italienischen Democrazia Christiana, die sich atomisierte, an den Hals wünscht. Die ÖVP sei schuld am Zustand seiner Partei, aber natürlich auch die derzeitige Führungsriege der FPÖ, die sich von Schüssels ÖVP "domestizieren" habe lassen - in der schwarz-blauen Koalition, diesem "Krebsübel".

Stadlers Rhetorik erinnert an die Anfangsjahre des Demagogen Jörg Haider, auf den nun - als Ironie der Geschichte - ÖVP- Chef und Kanzler Wolfgang Schüssel seine ganz Hoffnung bauen muss, damit sein schwarz-blaues Koalitionswerkl zumindest bis zum Ablaufdatum weiterstottern kann. Aber werden sie die Geister je wieder los? Wohl kaum. Denn Stadler hat ein leichtes Spiel: Er hat nichts zu verlieren. Schüssel und Haider aber alles. (DER STANDARD, Printausgabe, 1.7.2004)

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