Tuff und Tand

16. Oktober 2003, 11:38

Kappadokien - skurrile Landschaftsformationen und üppige Vegetation für offene Reisende.

Robert Haidinger

In der Felsritze sprießen quietschig grüne Feigenblätter, und zwei Treppen tiefer schlagen schlanke Maulbeerbäume Wurzeln. Doch auch Gemüse wird gezogen an den fruchtbaren schmalen Felderstreifen, die sich längs der „Roten Schlucht“ von Kizilcukur zwischen spektakuläre Bodenwellen ducken. Kleine Nischen für Gurken und Zwiebel finden sich da. Und wie handgeschnitzt wirkende Oasen mit knallig rotem Tomatenbestand, durchweht vom angenehm lauen Luftzug des anatolischen Vorsommers.

In der Tat können ein wenig kühler Schatten und die kernlose Süße weicher weißer Maulbeerfrüchte nicht schaden, wenn man nach stundenlangem Fußmarsch durch die wohl spektakulärste Landschaft Kleinasiens zu einem spätmittäglichen Nickerchen neigt. Unterm koketten Sonnenflecken-Blinzeln der Blätterkrone verschwimmen die unterwegs eingespeisten Impressionen im Halbschlaf dann mit Bildern, die man von der Männerparfum-Werbung zu kennen meint: Aufrecht wie martialische Morcheln stehen die monolithischen Tuffsteinfelsen im kappadokischen Raum herum.

Bekannt wurde die geologische Extravaganz der umliegenden Täler trotzdem unter der sehr femininen Bezeichnung „Feenkamin“. Doch das ist erst ein kleines Eck vom türkischen Landschafts-Fondue Kappadokien, bei dessen Erfindung die Natur offenbar Salvadore Dalis Genie ausprobieren wollte: Weich gefältelte Hänge, „geschmolzene“ Geländekuppen und bizarr geformte Kegel ergänzen die markanten Felssäulen der Mondlandschaft. Darin eingefurcht starren Tausende schwarzer Löcher, zimmergroß und handtellerklein, rund und eckig wie geheimnisvolle Augenhöhlen aus dem Gestein.

Kegel und Pilze Und je nach Tageszeit und Gegend wechseln die Farb- nuancen dieser Kegel und Pilze, changiert die mit feinem und rutschigem Staub bedeckte Oberfläche von Schneeweiß über Ocker- und Beigetöne bis ins Hellrosa. Zahllose von Pappeln bestandene Schluchten, tief eingegrabene Flüsse, und – wo immer das Gelände es erlaubt – das kärgliche Patchwork der eingangs erwähnten Felder und Weinhänge ädern und sprenkeln schließlich das einzigartige kappadokische Panorama.

Zugleich boten die labyrinthischen Falten und Verwinkelungen der rund 50x75 km weit ausgestreckten Region aber auch Schutz gegen die Außenwelt, und tun das noch heute: Trotz einer runden Million Touristen pro Jahr und trotz relativ dicht geknüpfter Straßennetze führen die engen Maultierpfade der versteckt liegenden Nebentäler in ein ideales, weil einsam und ursprünglich gebliebenes Wandergebiet. Zu Fuß oder zu Pferd – also so, wie die spärlich durchziehenden Chronisten noch vor wenigen Jahrzehnten das Herzstück der vormals viel größeren römischen Provinz Cappadocia bereist hatten.

Still ist es in und vor den entlegeneren Häusern, Ställen und Höhlenkirchen, die die Bewohner der Gegend seit Jahrtausenden ins weiche Gestein kratzen. Die Geschichtsschreibung des 10. Jh. nannte sie deswegen auch Troglodyten: Menschen, die unter der Erde in Löchern, Spalten, Labyrinthen, Höhlen und Gängen leben.

Leute wie Mustafa Baba aus dem Kaff Ürgüp setzen diese kappadokische Tradition bis in die Gegenwart fort. Nett hat der Souvenirhändler seine troglodytisch angehauchte Wohnhöhle zurechtgemacht: mit vergilbten Fotos, mit Teppichen in der ausgekratzten Liegenische und Blumen im eingestemmten Wandregal. Eine ähnlich steinzeitromantische Wohnatmosphäre befriedigt Kappadokien-Urlauber nun in einigen authentischen Höhlenhotels in Göreme, Uchisar, Zelve und anderen benachbarten Orten.

Doch gehen wir ein Stück zurück in der Geschichte des sonderbaren Landes. 60 Millionen Jahre ist es her, daß sich ein Teil Anatoliens unter großem Getöse zum Taunusgebirge faltete. Es entstanden Vulkane wie der Erciyes Dagi, von dem die Römer einst dachten, daß der 3916 m hohe Gipfel gleichzeitig den Blick aufs Schwarze und aufs Mittelmeer erlauben würde. Asche, Lapili und Lava bedeckten im Zuge der urgeschichlichen Erschütterungen weite Landstriche. Mächtige Tuffschichten bildeten sich und formten ein Felsplateau, das über die Grenzen der zentralanatolischen Region Kappadokien hinausreicht. Dann setzten die Kräfte der Erosion ein. In den weicheren Tuffen, direkt an der Oberfläche, entstanden tiefe Öffnungen, an denen die Winderosion krumme Formen mit gewaltigen Höhensenkungen herausmodellierte. Wasser drang über Ritzen in das dunkelfarbige, harte Basaltgestein ein, gefror und trennte den Basalt vertikal vom darunterliegenden weichen Tuff. Nach Jahrtausenden bildete sich schließlich eine Art Steinwald mit obenauf liegenden Felsplatten, der sich im Laufe der Zeit lichtete und Kappadokiens einzigartige Landschaft entstehen ließ.

Der Mensch erschien im Holozän. Der Tourist etwas später. Bevor letztere Gattung begann, vom Charter-Himmel zu fallen, kratzten die Bewohner des uralten Siedlungsgebietes die weichen Felshügel aus und Wohnungen, Klöster und Kirchen ins unter Lufteinfluß weichbleibende Gestein.

Zwischen dem 8. und 11. Jh. bescherte die verwinkelte Topographie der Gegend einen regelrechten Höhenflug. Ideal eignete sich dieses Versteck nämlich als Außenposten der byzantinischen Welt gegen den Ansturm arabischer Invasoren. Davon zeugen rund 3000 Höhlenkirchen in der Gegend um Gülsehir, Kayseri, Nevsehir und Nidge, deren Fresken auch von Laien noch mühelos in drei historische Epochen unterschieden werden können. Einfache Heilssymbole in roter Farbe erinnern dabei an die Zeit des Bilderverbots im 8. Jh., während später der freiere symbolische Stil neben Pflanzen und Tieren auch Menschen zum Motiv hatte.

Raffinierter wurden die Gemälde schließlich gegen Ende des 10. Jh.: Die figürlichen Darstellungen in der Kirche von Cavusin, vor allem aber die frühchristlichen Gotteshöhlen von Göreme, gehören mit zum Feinsten, was byzantinische Kunst je hervorgebracht hat. Mit bis zu acht Etagen, ausgeklügelten Belüftungssystemen und Schließsteinen à la Indiana Jones waren diese Fluchtstädte ausgestattet. Jene von Derinkuyu führt noch heute in 85 m Tiefe und ist über einen 9 km langen Tunnel mit einer weiteren unterirdischen Stadt nahe des heutigen Kaymakli verbunden. Die größte Kapazität wies allerdings der Underground von Özkonak auf: 60.000 Menschen sollen hier einst gelebt haben.

Und noch andere Besonderheiten prägen die Dörfer und einzelne Schluchten der versteinerten anatolischen Welt. Avanos gilt seit alters her als Heimat der Töpfer, während die beiden Orte Uchisar und Ortahisar für ihre Tuffburgen berühmt sind. Im Prinzip erinnern diese an Hochhäuser im Stile der Feuersteins & Geröllheimers. Die „Burg“ von Ortahisar etwa liegt stolz und zugleich zerbröckelnd auf einem 90 m hohen Felsen, der einen weiten Blick in die Umgebung erlaubt. Unter anderem auch auf die nahe Pancarlik-Schlucht, wo rotbemalte Taubenhäuser an den steilen Wänden kleben.

Noch einsamere Touren führen schließlich in die Täler von Soganli, südlich von Ürgüp, oder – Geheimtip für Wanderfreudige! – ins noch weiter entfernte Ilhara-Tal. Lokale Topattraktion ist hier der bis zu 80 m tief eingefurchte Canyon des Flusses Melendiz Cayi.

Als touristisches Zentrum des insgesamt ca. 10.000 km² großen Kerngebiets fungiert das große Dorf Göreme, das sich in vielerlei Hinsicht selbst schon zur eigenen Kulisse ausgehöhlt hat. Tausendfach stapelt sich zwischen Kelim-Shops und überteuerten Restaurants der berühmte Feenkamin in Form von Kleinrepliken am Straßenrand. Der Originalvorlage nachempfundene Betonhöhlen-Hotels fügen sich mit runden Fenstern und Spritzputz in die Pseudo-Tuffwelt ein.

Verändert werden durch den anhaltenden Ansturm der Besucher aber auch die Kulturschätze selber. Das gilt besonders für die zahlreichen frühchristlichen Höhlenkirchen mit ihren subtilen Wandmalereien und den aufwendig ins Gestein hineingearbeiteten Eremitagen. Bereits 1980 schlug die UNESCO erstmals Alarm und machte auf die neugeschichtliche Erosion aufmerksam. Beispiel Göreme-Tal: Dutzende kleine Kirchen sind hier in den weichen Tuffstein gegraben, ihre Grundrisse wurden nach dem griechischen Kreuz ausgerichtet. Haupt- und Seitenschiffe, Podeste und Säulen sind nicht gemauert, sondern in den Fels gehauen und kunstvoll bemalt.

Vor allem in den herausragendsten Beispielen – etwa der Tokali-Kirche – wurden Teile des großartigen Freskenzyklus des Malers Nikephoros durch Vandalenakte bis zur Unkenntlichkeit zerkratzt, während zugleich auch die natürliche Erosion fortschreitet. Dieselben Kräfte, die zur Entstehung der Emmentalerwelt führten, sind nämlich auch für weitere Deformationen gut.

Schlecht, daß sich die permanten geologischen Veränderungen erst sehr spät erkennen lassen. Zunächst bilden sich feine Risse, durch die Nässe in die Felsen eindringt, die das Gestein bei Frost sprengt und schließlich die Fresken zerfrißt. Dazu kommt noch – als Resultat der anhaltenden Besucherströme – das Problem der hohen Luftfeuchtigkeit.

Doch Hinweise auf die Gefahren eines allzu großen Bekanntheitsgrades sind skurrilerweise im traditionellen Legendenschatz des Göreme-Tals ohnehin bereits verankert. Denn die Geschichte des Heiligen Simeon, der sich im Tuffsteinblock eines Nebentales bis an die enge Spitze seiner Kegelbehausung zurückziehen mußte, um just seinen Eremitage-Popularitätsproblemen zu entgehen, diese Geschichte kennt hier jedes Kind. •

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