Winter-Impressionen

11. Mai 2005, 15:56
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Teneriffa im Jänner: Einheimische frösteln, Touristen nehmen ein Sonnenbad.

Sonnenstrahlen tanzen über die Faltengesichter der drei Pfeifenraucher auf der Plaza de la Candelaria im Zentrum von Santa Cruz de Tenerife. Die drei plaudern, paffen, gestikulieren, lachen. Bei jedem Windhauch graben sie sich tiefer in ihre Anoraks ein und ziehen die Schals noch ein bißchen fester um den Hals: nur 16 Grad an diesem Morgen. Bis zu 24 können es im Laufe des Tages noch werden.

Und staunen! Über kältegestählte Mitteleuropäer zum Beispiel, die die Januartemperaturen auf dieser größten Kanareninsel (2059qkm) schon als durchaus sommerlich empfinden und in T-Shirts und kurzen Hosen an den drei frierenden Pfeifenrauchern vorbei durch die Fußgängerzone von Santa Cruz streifen.

Im Windschatten eines Felsens sonnt sich ein erstes Urlauberpärchen im Lavasandstrand von Puerto de la Cruz im Norden der Insel – sie im Bikini, er in Badehose: kein Problem bei Sonne und frühlingshaften Temperaturen. Und auch hier der Kontrast: Ein paar Meter entfernt stehen ein paar einheimische Frauen zusammen – jede in einen dicken Wintermantel gehüllt, eine obendrein mit tief über die Ohren gezogener Fellmütze.

Jänner und Februar sind die einzigen Monate, wo die Durchschnittstemperaturen auf Teneriffa überhaupt gelegentlich unter die 20-Grad-Marke rutschen können. Die Wassertemperaturen bewegen sich in dieser Zeit um die 18 Grad, doch wen das schreckt, der findet Trost: in den großzügigen (und beheizten) Pool-Badelandschaften von Puerto de la Curz zum Beispiel, in den Schwimmbädern der großen Hotels von Playa de las Americas. Die Sonne ist es dann auch, die die Gäste anlockt – mehr als die Wassertemperaturen.

Manchmal nur sorgen die Unbillen der Witterung für ein ungewöhnliches Kontrastprogramm, wenn es in den höheren Lagen des Teide-Vulkans, mit 3718 Metern der höchste Berg Spaniens, zu schneien beginnt, während an den Stränden weiter die Sonne scheint. In endlosen Autoschlangen winden sich dann die Einheimischen mit Kind und Kegel ins Gebirge hinauf. Die weiße Pracht hat solchen Seltenheitswert, daß jeder den Schnee mal wieder anfassen und am freien Tag eine Schneeballschlacht mit Familie oder Freunden inszenieren möchte.

Danach steht den Touristen der Sinn überhaupt nicht. Wenn unter den Einheimischen die schönsten Schneeballschlachten am Vulkan toben, dann dösen sie lieber weiter am Strand und genießen die ersten warmen Sonnenstrahlen des Jahres: in Bikini und Badehose.

Bei Überlandfahrten kann man schon jetzt bestaunen, was in Kontinentaleuropa noch gut zwei Monate auf sich warten läßt: Mandelbäume in voller Blütenpracht säumen die Straßen. Blumenwiesen links und rechts erstrahlen im Sonnenschein. immer wieder übermannshohe, dunkelrote Weihnachtssterne neben der Piste im Anaga-Gebirge, dazu rote und gelbe Hibiskusblüten, Lorbeerwälder und Ginstermeere, über die hinweg bunte Schmetterlinge ihre Bahnen ziehen.

Und noch einen Vorteil hat die Winterreise nach Teneriffa: Die Insel ist längst nicht so überlaufen wie im Sommer. In den Straßencafés von Puerto de la Cruz und Santa Cruz bekommt man lächelnd den besten Tisch zugewiesen. In den Restaurants stimmt das Service. Die Bedienung ist besonders freundlich und noch nicht hochsommerlich abgekämpft. (Der Standard, Printausgabe)

Von Helge Sobik
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