Nellie McKay: "Get Away from Me"

    21. Oktober 2005, 15:27
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    Das Debüt-Doppelalbum einer bemerkenswerten Sängerin, Songschrei­berin und Entertainerin

    Vorweg: Sie klingt nie so bieder wie sie aussieht! Würde man Doris Days Visage und Eminems "Schnauze" morphen, und mit Stilrichtungen von Tin Pan Alley, Kurt Weill, Randy Newman und Norah Jones mischen, was wäre eine mögliche Antwort? - "Get away from me" - ein Doppelalbum mit 18 Songs der unterschiedlichsten Genres, mit der Präsenz einer unverwechselbaren Stimme und den Texten einer begabten Songwriterin. Das alles ist Nelly McKay, 19 Jahre alt, feuerrotes Haar und eine große Klappe.

    Produziert wurde die Platte von niemand Geringerem als Geoff Emerick. Dieser war als Toningenieur für den Sound der Beatles-Scheiben "Revolver", "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band", "Abbey Road" und des 'weißen Albums' mit verantwortlich und arbeitete auch für Elvis Costello. McKay behielt sich deutliches Mitsprachrecht als Co-Produzentin vor: "Diese Platte ist mein Leben. ich kann mir nicht vorstellen, nicht bei jedem Aspekt die Finger mit im Spiel zu haben."

    Die meisten Kompositionen der CD glänzen durch lustvolle Frische, werden von Klavier oder Streichern begleitet, - Entertainment-Jazz mit Hip Hop- und Reggae Exkursionen. Die Texte sind beachtenswert und "sprechen Bände": gewitzt und klug, mitunter böse, oft sarkastisch und kritisch. Besonders erwähnenswert erscheint das, weil McKay mit ihren "grad" 19 Lenzen die Mehrzahl dieser in nur wenigen Wochen schrieb.

    Die Politik bekommt einen kräftigen Seitenhieb: Bush kriegt im an Reggae angelehnten Song "David" sein Fett ab -

    mister bushie says / i'm your president
    I have lots to say / hey hey hey
    and click goes the remote
    there you have my vote
    catchin' the next boat out of here

    Es gibt Ausflüge in die Welt von Vaudeville und Varieté  mit "Ding Dong" -

    So ding dong / There's the doorbell /
    Hello man in red
    He's gonna make you all well / Getcha into bed
    But hey now / You don't feel better
    As you wake and slowly rise
    Maybe this smooth jet-setter lied

    - oder auch Kritisch-Zynisches wie im Song "Toto Dies": -

    Yeah I'll have my coffee black
    Hey look we're bombing Iraq
    I guess that's the only way
    Oh did I tell you we got Fifi spayed?

    Im Swing-Jazz-Stück "It's a Pose" macht sich Nelly McKay über die Macken der Männer lustig und gibt sich sarkastisch und altklug: -
    Menfolk they need their women
    But women don't need their men ...
    You're a sensitive Joe I'm forgettin'
    But every woman knows
    It's a pose, just a pose

    Weiters bereist die 19-Jährige mit souveräner Selbstverständlichkeit die Welt des psychedelischen Sixties-Beat mit "Baby Watch Your Back", liefert mit "Sari" einen "Jazz trifft Hip Hop-Hybrid" und bringt außerdem softe Bar-Jazz-Balladen wie "Manhattan Avenue". Die Mischung mag wirr erscheinen, im Mittelpunkt der Arrangements stehen jedoch immer ihre Stimme und die Texte, vom "Hecheln" im "Dog-Song" bis zum Hauchen im Background-Gesang im "Work Song".
    In ihrer ersten großen Kritik stand zu lesen: "Stylistically, McKay is like a living, breathing White Album. She will knock off your socks and steal your soul". (TimeoutNY)
    Leicht möglich.
    (schatz)

    • Nellie McKayGet Away From Me (Explicit/Sony 2004)
      foto: sony

      Nellie McKay
      Get Away From Me
      (Explicit/Sony 2004)

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