Mögliche Renaissance von Strom aus Atom

8. Juli 2004, 15:49
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Der Heißhunger nach Energie in weiten Teilen der Welt kann durch erneuerbare Quellen nur zum Teil gestillt werden, sagen Experten

Unersättlich scheint der Energiehunger der Menschheit zu sein. Seit 1960 hat sich der weltweite Energieverbrauch fast verdreifacht. Die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris schätzt, dass der Energiebedarf bis 2030 um weitere 70 Prozent wächst. Weil Strom aus Wind, Sonne und Biomasse trotz forcierter Ausbauprogramme nicht in der notwendigen Menge und Qualität zur Verfügung gestellt werden kann, sehen Experten für die Atomkraft bereits eine "strahlende Zukunft" vorher.

Trotz eines zweiprozentigen Rückgangs der weltweiten Atomstromproduktion 2003, der bedingt war durch die Stilllegung diverser AKW in dem nach den USA und Frankreich drittgrößten Kernenergieland der Welt, Japan, ist die Atomspaltung in Asien aktueller denn je. Nach einem Bericht der in Wien ansässigen Internationalen Atomenergie-Organisation sind allein 21 der in jüngster Zeit angeschlossenen Atommeiler in Asien ans Netz gegangen. Von den derzeit in Bau befindlichen 27 AKW stehen 18 in Asien. Allein acht von ihnen werden in Indien gebaut, weitere acht in Osteuropa.

Alle Optionen offen halten

Weltweit sind zurzeit 442 Kernkraftwerke in Betrieb; sie produzieren rund 16 Prozent der gesamten Elektrizität. Europa sollte sich "alle Optionen offen halten", hat erst kürzlich Verbund-Chef Hans Haider in seiner Eigenschaft als Präsident der Vereinigung europäischer Stromproduzenten (Eurelectric) gefordert. Aufgrund anstehender Stilllegungen "altersschwacher" Kraftwerke werde die Versorgungslage bald kritisch.

Klimaschutz

Die Internationale Energieagentur rechnet allein für die EU-15 mit einem zusätzlichen Kraftwerksbedarf von 600.000 Megawatt bis zum Jahr 2030. Das entspricht der Produktion von rund 900 Kohlekraftwerken. Weil der Bau zusätzlicher Kohlekraftwerke aber Versuche zunichte machen würde, den Ausstoß klimaschädlicher Gase einzudämmen, sei der Ausbau der Atomkraft unverzichtbar, heißt es.

In Österreich, das knapp 70 Prozent seines Strombedarfs aus Wasserkraft deckt, ist das Thema seit der Zwentendorf-Abstimmung im Herbst 1978 tabu. Rundherum gibt es Ausbaupläne, in Tschechien genauso wie in Bayern. Litauen hat sich verpflichtet, den Uralt-Atommeiler Ignalina bis 2009 abzuschalten, will aber einen neuen Reaktor bauen.

Sauber, effizient und sicher

Die Errichter von Kernkraftwerken locken mit frischen Konzepten. Sie klingen so verführerisch wie die Versprechen, die die ersten Erbauer machten - damals, vor rund 50 Jahren, als die Kernenergie die Lösung fast aller Energieprobleme verhieß: Sauber sollen die neuen Meiler sein, effizient und sicher. Und irgendwann sollen Generatoren der vierten Generation sogar einen großen Teil ihres eigenen radioaktiven Mülls verwerten.

Aber die famosen neuen AKW sind noch längst nicht fertig. Baureif ist allein der europäische Druckwasserreaktor EPR, der ab kommendem Jahr im finnischen Olkiluoto entstehen soll. Geplante Inbetriebnahme: 2009. Doch der für 1600 Megawatt ausgelegte Block ist letztlich ein konventioneller Leichtwasserreaktor mit sehr, sehr dicken Wänden. (Günther Strobl DER STANDARD Pritnausgabe 30.06.2004)

  • Der altersschwache Atommeiler in Ignalina soll spätestens 2009 vom Netz. Ersatz soll einer neuer Reaktor in Litauen sein.
    foto:epa

    Der altersschwache Atommeiler in Ignalina soll spätestens 2009 vom Netz. Ersatz soll einer neuer Reaktor in Litauen sein.

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