Vokale Spiele mit Identitäten

3. Juli 2004, 14:53
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Jazzfest: Die Kanadierin Holly Cole seziert gerne alte Hadern und Rebekka Bakken schwebt zurzeit auch auf der Welle der vokalen Trends

Wien - Es ist vielleicht etwas ungerecht, in den Gesangskünsten nicht nur eine Variante des Schauspiels zu betrachten. Aber der Traum kommt immer wieder: Möglichst soll in den Tönen und Texten auch Leben mitschwingen, das Besungene auf der Basis von Erlebtem glaubhafte Substanz erlangen.

Nun will man erfolgreichen Jungmenschen wie Jamie Cullum und Joss Stone, die uns zurzeit mit ihren Versionen von alten, durch reife Stimmbänder jedoch längst gültig interpretierten Songs beschenken, keinesfalls Erfahrungen absprechen. Etwas eigenartig - simuliert und gestellt - riecht das jedoch schon, was sie so in die Charts bringen. Und dies vorwiegend dort, wo sie wirken wollen, als hätten sie schon alles hinter sich, obwohl sie doch eher noch viel vor sich haben.

Die Kanadierin Holly Cole ist da in einer interessanteren, besseren Position. Sie hat die 40er-Marke überschritten, und man könnte sie deshalb in einer Übergangsphase wähnen, in der man sich weder wirklich jung, noch wirklich alt fühlt. Eine schöne Ambivalenz der existenziellen Art. Tauglich für vokale Spannungen, die sich im Museumsquartier beim Eröffnungskonzert des Jazzfestes Wien mithilfe eines schönen Mischrepertoires aus Jazz, Pop und Folk aufbauen.

Alte Hadern

Mit ihrem Trio (Bass plus Klavier) seziert Cole gerne alte Hadern, macht aus dem Que sera, sera-Schlager von Doris Day einen melancholischen Blues. Und dort, wo sie Balladen in den Raum schickt, blättert sie auf herb timbrierter Basis im Ausdrucksalbum der Emotionen. Mädchenhaft in der Höhe, hintergründig-lasziv in den Tiefen - ein souveränes Spiel mit längst überwundenen und aktuellen Identitäten.

Doch weil zu viel Tiefe offenbar nicht sein darf, wird öfters ein Tanz an der Oberfläche der Songs absolviert. Dann klingt es halt, als würde ein Musicalmensch Pop singen und sich damit zufrieden geben, 90 Prozent seiner Möglichkeiten vorzeitig von der Bühne zu schicken, auf die dann Rebekka Bakken kam.

Diese hat ihre 20er hinter sich und schwebt zurzeit auch auf der Welle der vokalen Trends. Den meisten Mitbewerberinnen hat sie selbst gebaute Songs von schwebender Leichtigkeit und musikalischer Substanz voraus. Was ihre stimmlichen Möglichkeiten anbelangt, ist sie eher noch auf der Suche.

Das Reife wirkt noch ein wenig gekünstelt; ganz bei sich ist sie im Lyrisch-Verzierenden. Im Grunde jedoch wartet hier ein Mix aus Jazz, Pop und Folk auf das noch ausständige völlige Ausreifen interpretatorischer Möglichkeiten. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.6.2004)

Von
Ljubisa Tosic
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    Holly Cole (li.) und Rebekka Bakken beim Jazzfest Wien

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