Ari Fleischer: "Du musst denken wie ein Reporter"

1. Juli 2004, 13:46
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Bushs Exsprecher plauderte in Wien

Wien - Pressesprecher werden selten zu Medienstars, aber Ari Fleischer ist einer, und er ist es nicht zufällig. Von Jänner 2001 bis zum Sommer 2003 war der Herr mit der markanten Spiegelglatze die öffentliche Stimme von US-Präsident George W. Bush - vor allem im Briefing Room des Weißen Hauses, wo er zu allen möglichen und unmöglichen politischen Geschehnissen Stellung nehmen musste. Am Montag war Fleischer auf Einladung der T-Mobile nach Wien gekommen, um Einblick in die Werkzeugkiste eines professionellen Spitzenkommunikators zu geben.

Der STANDARD-Berichterstatter hatte sich in Erinnerung an viele CNN-Pressekonferenzen, die Fleischer stoisch hinter sich gebracht hatte, ohne auch nur einen Funken Inhalts zu verraten, am Montag mit einer gewissen Furcht, es könnte langweilig werden, in die Wiener Nationalbibliothek begeben. Diese Furcht wurde allerdings vom ersten Moment der brillanten Doppelconference Fleischers mit ORF-Moderator Eugen Freund an zerstreut. Wieso wird ein cleverer jüdischer Bub aus Manhattan ausgerechnet zum Pressesprecher eines Texaners namens George W. Bush, fragt Freund. Fleischer outete sich als Abkömmling einer liberalen Familie, den aber die Politik Ronald Reagans gegenüber der UdSSR so begeistert habe, dass er politisch die Seiten wechselte und seither der republikanischen treu blieb.

Wie professionell Fleischer agiert, wird im Verlauf des Gesprächs an vielen Details ersichtlich: Die Körpersprache ist unglaublich souverän, der Habitus cool, und sprachlich ist er ebenso wendig wie präzise. Vor allem aber versteht es Fleischer, sich mit großer Präzision in die Gedankenwelt seines Gesprächspartner hineinzuversetzen. "Das Wichtigste für einen Pressesprecher ist, dass du denken kannst wie ein Reporter." In dieser Kunst war Fleischer so bewandert, dass er Bush um sieben Uhr in der Früh genau prognostizieren konnte, dass heute die Fragen A, B und C kommen würden. In den meisten Fällen waren es dann auch tatsächlich die Fragen A, B und C, die gestellt wurden. Hat er jemals gelogen? "Niemals. Wenn du in dem Job bei einer Lüge erwischt wirst, bist du weg, fertig, nutzlos."

Freund erinnert daran, dass die Amerikaner in der Vergangenheit schon mehrfach über die wahre Befindlichkeit ihres Präsidenten im Unklaren gehalten wurden. Die Öffentlichkeit wusste nicht, dass F. D. Roosevelt im Rollstuhl saß, und die Watergate-Affäre wurde zuerst vom Weißen Haus als "drittklassiger Einbruch" verkauft. Fleischer differenziert fein: Gelogen habe er niemals, wiederholt er, dass er aber nicht immer die ganze Wahrheit verrät, das sei natürlich selbstverständlich. "Die Reporter werden immer zornig, wenn man ihnen nicht alles sagt".

Wie sieht der Alltag eines Pressesprechers im Weißen Haus aus? "Er ist sehr lang und sehr hart." Tag für Tag vertiefte sich Fleischer um fünf Uhr morgens höchstpersönlich ins Studium der New York Times und der Washington Post, während sein Mitarbeiterstab die Blätter minderer Bedeutung durchackerte. Um sieben Uhr dann das erste Treffen mit Bush, mit dem er sich gemeinsam auf die zwei täglichen Briefings vorbereitete.

Was ist der größte Fehler, den ein Pressesprecher machen kann? "Nicht für den zu sprechen, für den man sprechen muss." Fleischer erinnert sich mit Schaudern, wie er einmal nach einem Gespräch von Bush mit einem demokratischen Senator die Worte des Letzteren interpretierte. Großer Unmut folgte, aber Fleischer lernte schnell.

Wenn ihn die Reporter löcherten, er möge ihnen doch verraten, was der französische Präsident Jacques Chirac in einem Gespräch mit George Bush, bei dem Fleischer auch zugegen war, gesagt habe, bissen sie auf Granit. "Fragen Sie den Pressesprecher von Chirac." Die Reporter wurden zornig, Fleischer schwieg. Klar. "Ich hätte es ja auch nicht gern, wenn der Pressesprecher von Chirac für Bush spricht." (DER STANDARD, Printausgabe, 30.6.2004)

von Christoph Winder
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    Ari Fleischer, Ex-Sprecher des Weißen Hauses

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