Das Daumenkino des späten Mittelalters

5. Juli 2004, 12:55
5 Postings

Wissenschafter staun­ten nicht schlecht, als sie Tausende Seiten mittelalterlicher Hand­schriften digitalisiert hatten: Die mehr als 600 Jahre alten Bilder fingen im Computer zu laufen an

Heidelberg/Graz – Es war um 1470, als der anonyme Zeichner in der Handschriftenwerkstatt von Ludwig Henfflin endlich Feder und Pinsel beiseite legen konnte. Der Sigenot war zu Papier gebracht. Monatelang hatte er von frühmorgens bis spätabends sorgfältig Buchstabe für Buchstabe gemalt und jede der 201 Seiten mit einer Federzeichnung geschmückt, die er mit Wasser-und Deckfarben kolorierte. Die Bilder zeigen Kampfgetümmel oder Dialogszenen.

Die Werkstatt Henfflins stand vermutlich in Stuttgart und arbeitete etwa ein Jahrzehnt lang vor allem im Auftrag Margaretes von Savoyen. In vielen Schreibstuben und Klöstern werkelten im späten Mittelalter Auftragskünstler an solchen Handschriften. Jede ist ein Unikat von unschätzbarem Wert. Schon für Zeitgenossen waren diese Preziosen unerschwinglich. Allenfalls Klöster, wohlhabende Bürger, Kaufleute oder Adelige konnten sich die reich verzierten Werke leisten.

Schädliches Tageslicht

Heute muss ein Liebhaber Millionen Euro für ein Exemplar hinblättern – wenn denn einmal eine solche Rarität verkauft wird. Bibliotheken hüten mittelalterliche Handschriften wie Kronjuwelen. Doch trotz aller Pflege und Sorgfalt lässt sich nicht verhindern, dass die Bücher altern. Viele sind schon stark angegriffen, obwohl sie bei konstanter Luftfeuchtigkeit und Temperatur absolut dunkel hinter feuerfesten Tresortüren lagern. Am besten setzt man sie gar nicht mehr dem Tageslicht aus – dieses lässt die Farben verblassen. Jede Berührung, selbst mit Baumwollhandschuhen, belastet das Papier. Und auch die in der menschlichen Atemluft herabschwebenden Bakterien machen sich ohne jeden Respekt vor der historischen Bedeutung ihrer Futterquelle über selbige her.

Um diesem Dilemma zu entgehen, beschlossen das kunsthistorische Institut und die Unibibliothek Heidelberg, 27 mittelalterliche Handschriften zu fotografieren und digitalisieren. Dabei geschah – mit den Worten des Mittelalters gesprochen – ein kleines Wunder. Es widerfuhr Kunsthistorikerin Lieselotte Saurma und Bibliothekarin Maria Effinger: Als nämlich alle Daten und Bilder endlich im Computer gespeichert waren, drückten die beiden auf schnellen Vorlauf. "Plötzlich erwachten die fast 600 Jahre alten Bilder auf dem Schirm zum Leben und schienen sich wie ein Comicfilm vor uns zu entfalten", schildert Saurma. Einige Bücher entpuppten sich als regelrechte Daumenkinos.

Zwar wusste sie nach über zehnjähriger Forschungsarbeit, dass einzelne Bildfolgen aufeinander aufbauen. Aber die Flüssigkeit, mit der die Bilder plötzlich über den Bildschirm rauschten und Geschichten erzählten, war überraschend: "Die Leute müssen damals ungeheuer fasziniert gewesen sein von diesem Strom bunter Bilder. Auch wer nicht lesen konnte, war gut unterhalten, konnte sich die Erzählung vorstellen."

Tod und Leidenschaft

Neben biblischen Geschichten waren antike Mythen beliebt und insbesondere Heldenepen füllten viele Bände. Liebe, Tod und Leidenschaft sorgten auch im Mittelalter schon für Spannung. Also bemühten sich die Maler um möglichst eindrucksvolle und dramatische Illustrationen.

Warum Generationen von Germanisten, Historikern und Handschriftenforschern die in den Büchern versteckten Daumenkinos übersahen, obwohl sie ihnen vor Augen lagen, ist einfach erklärt: Die kostbaren Werke wurden fast wie Reliquien behandelt und die gründliche Entzifferung auch nur einer Seite nahm oft Stunden in Anspruch. Auf die Idee, die Handschriften schnell und rücksichtslos durchzublättern, kam niemand.

Erst der Cyberspace erschließt die mittelalterlichen Bilderfolgen. Und das spät: Das Projekt der Digitalisierung der Heidelberger Sammlung begann schon 2001. Allein – nirgendwo in Deutschland hatte man Erfahrungen mit einem solchen Vorhaben, das nicht nur für die hauseigene Datenbank geplant war, sondern auch für die Allgemeinheit via Internet.

Hilfe aus Österreich

Überraschende Hilfe kam aus Österreich: Der Grazer Restaurator Manfred Mayer ist zugleich Ingenieur und hatte für die Grazer Unibibliothek bereits einen Spezialtisch zur Digitalisierung hochsensibler Bücher entwickelt, auf diesem schon die Gutenbergbibel für die Göttinger Uni in Bits und Bytes verwandelt. Auf dem Tisch können die empfindlichen Originale millimetergenau und extrem schonend gelagert werden, eine Digitalkamera fährt um das Buch herum. Kaltlicht schützt die Farben, eine Leiste mit Unterdruck glättet brüchige Seiten.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft bewilligte schließlich das Geld für das Projekt, im temperaturgeregelten Lastwagen wurden die 27 Bände in aller Stille nach Graz gekarrt. In wenigen Wochen digitalisierten Mayer und sein Team 15.000 Seiten. Ein weiteres Jahr dauerte es, bis in Heidelberg die passende Software geschrieben war. Und nun stehen alle Handschriften farbenprächtig im Internet. (Johannes Schnurr/DER STANDARD, Printausgabe, 30.6.2004)

  • Artikelbild
    der standard/unibibliothek heidelberg
  • Aus dem "Sigenot": Abschied der Kämpfer und, viele Seiten weiter, Schlachtgetümmel. Alle Bilder hintereinander schnell betrachtet, ergeben einen Kinofilm.
    der standard/unibibliothek heidelberg

    Aus dem "Sigenot": Abschied der Kämpfer und, viele Seiten weiter, Schlachtgetümmel. Alle Bilder hintereinander schnell betrachtet, ergeben einen Kinofilm.

Share if you care.