Ein Solo hab' ich noch!

5. Juli 2004, 22:40
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US-Musiker Lenny Kravitz gefiel sich im Wiener Schloss Schönbrunn wieder einmal als retroschicker Wiedergänger des Rock der frühen 70er-Jahre

Gitarren- und Schlagzeugsoli inklusive? Oh, ja, und wie!


Wien - Ein Preis ist ihm schon jetzt sicher. Der DJ Ötzi in Zink für die dümmste Textzeile des Jahres geht heuer an Lenny Kravitz: "I don't want to be a star, just want my Chevy and an old guitar." So was schreibt man als 16-jähriger Tiroler Hardrockgitarrist, aber definitiv nicht als 40-jähriger New Yorker Freund der schönen Frauen und anderer Künste. Es ist zum Davonlaufen.

Enthalten ist diese lichtvolle Absage an eine ganz, ganz arme Vergangenheit als Sexgott ("So many girls they start to look the same!"), als König der Bacchanten ("Too many distractions run through my brain!") und als Hagestolz mit Platinkarte (Too many clothes, too many shoes!") auf dem neuen Album Baptism.

Dieses hält der Künstler, der sich für das Coverfoto nachdenklich-nackt in Märtyrerpose in eine irgendwie total symbolträchtige rote Sauce legte, offenbar selbst für derart gelungen, dass er live davon nur zwei Songs spielen mag.

California und Where Are We Runnin'? sind dabei programmatisch für das Dilemma eines ehemals hochtalentierten Musikers zu hören. Where Are We Runnin'? der mit heiligem Ernst gedroschene Eröffnungssong des Konzerts mag ein hochenergetischer Hit sein, der aus dem Mäsozoikum der Rockgeschichte stammen könnte.

Bloß, wenn man nicht ohne die texanischen Boogie-Zen-Meister ZZ Top und ihr Album Tres Hombres aus 1973 leben mag, kann man sehr sicher ohne diese energische, aber auch hohle und hölzerne Nachstellung existieren.

Im stumpfen Griffbrettkletterer California bekennt Kravitz schließlich, in seiner Jugend Luftgitarre zu The Who, Led Zeppelin, Beatles, Kiss und Rolling Stones gespielt zu haben. Das tut er heute in elendslangen Soli noch immer. Nur 13 Songs in zwei Stunden verweisen auf ein Rockkonzert der anstrengenden Sorte. Das will man schon seit mindestens 25 Jahren nicht mehr hören. Gab es auch ein erbärmliches Schlagzeugsolo, während dessen man den dringenden Wunsch verspürte, irgendjemanden, egal wen, für alles bezahlen zu lassen, und zwar sofort? Ja, es gab auch ein erbärmliches Schlagzeugsolo. Liebe Leute, damit so was nicht mehr vorkommt, wurde vor einem Vierteljahrhundert Punkrock erfunden!

Zum Glück hat Kravitz allerdings vor eineinhalb Jahrzehnten am Beginn seiner Karriere mit einer souveränen Vermischung weißer und afroamerikanischer Musikstile und unter Berücksichtigung nicht nur der Beatles und Led Zeppelins, sondern vor allem auch von Sly Stone, Stevie Wonder und Prince tatsächlich gute Musik gemacht.

Alte Großleistungen wie It Ain't Over 'Til It's Over, Fields Of Joy, Always On The Run und natürlich die traditionell am Ende jedes Konzertes stehende Beschwörung der größten aller Kräfte neben der Gravitation, Let Love Rule, inklusive Handauflegung und Jungfrauenbeglückung des Meisters mitten unter uns Sündern im Publikum, sie retten immer noch jede Show.

Der Rest ist wildes rockistisches Ich-zeig-dir-meinen-Geholze wie es Led Zeppelin oder Jimi Hendrix doch etwas begabter und vor allem früher gemacht haben. In deren Ungeist drischt Lenny American Woman kaputt und meuchelt eigene Hadern wie Fear oder Are You Gonna Go My Way mit endlosem Poser-Genudel. Über Lennys neue geglättete Frisur als Zeichen einer tiefen Krise ein anderes Mal. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.6.2004)

Von
Christian Schachinger
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    US-Superstar Lenny Kravitz war bei einigen Selbstverwirklichungs- alleingängen an der (Bass-)Gitarre zu erleben.

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