Die "Tour" als Buch des Lebens

4. Juli 2004, 19:31
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2003: Es gibt noch gefährlichere Suchterlebnisse als die "Tour de France"

Zum Beispiel die Lesesucht, die in der Aufklärungsepoche zu medizinischen Interventionen führte. Oder die Drogensucht, von der die Tour nie frei war (schon 1927 sprach André Reuzes Roman Giganten der Landstraße davon) Aber eine Sucht ist auch dies: Seit der Gymnasialzeit versuche ich, keine der oft sechsstündigen TV-Übertragungen zu versäumen. Dabei ist bei den meisten Etappen stundenlang nichts zu sehen - "nur" geschlossene Teamformationen, die elegant dahinradeln.

Dann aber, nach fünf Stunden, vor Etappenende, an steilsten Bergsteigungen: 30 km/h bei den Antritten der aus ihren Heeren plötzlich herausschießenden Ritter: Lancelot und Jan heißen die Fortsetzungshelden dieses Epos mit Tempowechsel. Das ist wie im Leben: Jahrelang nix, und plötzlich, zum Beispiel, verliebt man sich. Auch eine Bergprüfung.

Alljährlich aber auch die Ernüchterung: Nie spricht man vom eigentlich Interessanten, von den philosophischen Dimensionen dieses Sports, der doch rotiert um Begriffe wie "Zeit" und "Einsamkeit" (der "Ausreißer", der "Held"). Und dazu das Grundproblem der Aufklärung, der Kampf zwischen äußerer und innerer Natur, die Vermessung des Körpers im Gelände der Landschaft, in welcher der Rennfahrer mit der Zeit ringt wie Kapitän Ahab auf dem Meer mit seinem Moby Dick. Auch Ahabs Kampf ist ja eine Metapher des Lebens. - Heutiges Beispiel: der Fluchtversuch. Er misslingt meist. Wie im Leben eben auch.

Es geht so: Normalerweise fahren die Teams in geschlossener Formation, ihren Heerführer flankierend. An günstigen Stellen aber bricht einer aus. Solche Fluchtversuche enden oft traurig: Bei der heurigen dritten Etappe, die just nach Sedan führte, brach Frédéric Finot aus und ritt 200 Kilometer allein; fünf Kilometer vor dem Ziel wurde er eingeholt - ein verlorener Sohn, den die Familie sich wieder schnappt. Ganz selten gelingt aber doch eine Flucht, und auf diese psychoanalytischen Momente warte ich wochenlang:

Auf der letzten Pyrenäenetappe fuhr Tyler Hamilton, der jahrelang als Wasserträger für Lance Armstrong schuftete (die Säkularisierung von Manès Sperbers galizischen Wasserträgern), 87 Kilometer allein davon, alle Teams verfolgten ihn, vergeblich.

Bei dieser Flucht geschah noch etwas: Hamilton raste, blickte aber dabei noch auf die herrliche Landschaft zwischen Pau und Bayonne. Das machen sie selten, der Blick auf die Pulsuhr ist wichtiger. - Der Mythos der Rennfahrer, meinte Roland Barthes, beruht exakt darauf: dass sie sich den unterschiedlichsten Naturgewalten assimilieren und gleichzeitig sich selbst, das Kunstprodukt aus Training und Qual, in Natur verwandeln. Doppelt so viel Sauerstoffaufnahme wie Normalos: einfach schlucken, diese Natur. Oder die Chemie davor. (Richard Reichensperger, DER STANDARD Print-Ausgabe, 25.7.2003)

Von Richard Reichensperger, 2003
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