Wifo-Chef Kramer lehnt Lohnsekung ab

6. Juli 2004, 13:57
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Wettbewerb gegen Osten über Lohnkosten nicht zu gewinnen - Sozialpartner bei "innovativen Arbeitszeitmodellen" gefordert

Wien - Wifo-Chef Helmut Kramer hat am Dienstag seine Position zur laufenden Debatte um die Verlängerung/Flexibilisierung der Arbeitszeit präzisiert, um dem Eindruck der medial "stark verkürzter" Stellungnahmen entgegenzuwirken. Kramer fordert von den KV-Partnern "innovativere Arbeitszeitmodelle" ein, lehnt aber eine generelle Lohnsenkungsstrategie als "aussichtslos" ab: Der Wettbewerb mit den Niedriglohn-Standorten in Osteuropa und Asien könne nicht über die Arbeitskosten geführt werden, meint Kramer sinngemäß in einer am Dienstagnachmittag veröffentlichten Stellungnahme.

Eine Arbeitszeitverlängerung ohne Lohnausgleich bedeute für die Beschäftigten eine Lohnkürzung pro gearbeiteter Stunde, die unter bestimmten Umständen sehr wohl einer Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit führen kann, argumentiert Kramer: "In begründeten Einzelfällen ist (daher, Anm.) eine Verlängerung der Arbeitszeit auf betrieblicher Ebene und temporär als vorläufige Lösung akuter Probleme nicht von vornherein abzulehnen."

Volkswirtschaftliche Effekte

Die sich aus einer generellen Verlängerung ergebenden volkswirtschaftlichen Effekte seien jedoch nicht nur die "Addition solcher betrieblichen Vorteile", denn eine höhere Arbeitszeit bedeute selbst bei gleich bleibendem Nominaleinkommen, dass Freizeit- und Nebenerwerbsmöglichkeiten gekürzt würden: "Das könnte die Haushaltseinkommen und/oder den Freizeitkonsum dämpfen."

Was mögliche Auswirkungen auf die Arbeitslosigkeit betrifft, vermerkt Kramer, dass eine höhere Wettbewerbskraft der Industrie (die durch geringere Arbeitsstückkosten entstehen kann) die Beschäftigung steigern kann. Aber: die Lohnkostenvorteile Osteuropa und Asiens seien "überwiegend von einer Größenordnung, welche die höchstens denkbaren Produktionskostenvorteile aus einer Arbeitszeitverlängerung bei weitem übersteigt". Demnach falle "eine Lohnstückkostensenkung in Österreich in der Größenordnung von rund 1 Prozent als entscheidende Standortvariable im Vergleich zu anderen Kosten- und Leistungsfaktoren des Standortes vergleichsweise wenig ins Gewicht." Bei hoher Arbeitslosigkeit sei "kaum anzunehmen", dass längere Wochenarbeitszeiten zu mehr Beschäftigung führten, meint Kramer.

20 Prozent geringe Lohnkosten als Deutschland

Gegenüber Deutschland habe Österreich um knapp 20 Prozent geringere Lohnkosten, dieser Abstand sei in den vergangenen fünf Jahren größer geworden: "Das soll heißen, dass die deutsche Diskussion nicht ohne weiteres auf Österreich zu übertragen ist."

Kramers Schlussfolgerung: "Eine generelle Strategie der Lohnsenkung ist angesichts dieser globalen Umgebung aussichtslos und abzulehnen, weil sie für die Volkswirtschaft und das gesellschaftliche System kaum absehbare, aber bedenkliche wirtschaftliche und soziale Rückschläge mit sich bringen würde." Die Strategie zur Erhaltung des Wohlstands müsse sich eher auf Qualität, Innovation, bessere Ausbildung konzentrieren. Dass unnötige Kosten jederzeit zu überprüfen seien, "ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung der Wettbewerbsfähigkeit".

Innovative Arbeitszeitmodelle gefordert

Sehr wohl müssten in Österreich aber "innovativere Arbeitszeitmodelle" entwickelt werden, meint Kramer. Die Kollektivvertragspartner hätten sich in dieser Frage bisher "auffallend zurück gehalten", während auf betrieblicher Ebene Vereinbarungen "auch abseits des Gesetzes aus beiderseitigem Interesse nicht selten realisiert" würden. Mit solchen neuen Arbeitszeitmodellen sollten Auftragsschwankungen abgefangen und die Fixkosten durch eine verbesserte Kapazitätsauslastung gesenkt werden, meint der Wifo-Ökonom: "Wenn auf diese Weise die Produktionskosten gesenkt und die Wertschöpfung ohne Lohneinbußen gesteigert werden können, ist das volkswirtschaftlich wünschenswert, unabhängig von der sekundären Frage, wie ein Lohn- oder Zeitausgleich für die erhöhte Bereitschaft zu Flexibilität vereinbart wird."

Wegen der "tiefgreifenden Veränderung der Arbeitsmarktsituation und des zurückgehenden Arbeitskräfteangebots würden eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit und eine Flexibilisierung des Arbeitseinsatzes sowie "möglicherweise eine Verlängerung der Regelarbeitszeit" jedenfalls auch mittel- und längerfristig ein Thema bleiben, schließt Kramer. (APA)

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