Endlich reif für die Party

13. Juli 2004, 16:12
10 Postings

Nach der Matura machen sich Tausende Jugendliche auf zu All-inclusive-Partyclubs in Tunesien und der Türkei ...

Nach der Matura machen sich Tausende Jugendliche auf zu durchdesignten All-inclusive-Partyclubs in Tunesien und der Türkei. Der Exzess gehört zum Ritual.

***

Jürgen Hammerschmid ist jeden Abend verdutzt: "Das nenne ich gutes Wegschauen", staunt der Wiener Partyfotograf, wenn da die allabendlichen "Club-Videonews" über die Leinwand am Strand flimmern: Nach Umfragen, wann und mit wie vielen Partnern man hier (bisher) den besten Sex gehabt hätte, gibt es Reportagen über Trinkspiele am Pool. Interviews im Hotelzimmer: Wer hat mit wem? Ein Feature: Trinken am Pool. Danach: Fragen zum Sexleben. Und so weiter.

Der Fotograf steht mit gerunzelter Stirn am Strand: Sicher, als derjenige, der hier - im Magic Life Club im tunesichen Mahdia - das Tun und Treiben von 3500 frisch gebackenen Maturanten dokumentieren soll, sieht und hört er all das auch. Aber der Fokus, seufzt Hammerschmid, sei verzerrt: "In Wirklichkeit machen nur ganz wenige auf Ballermann. Die meisten Leute sind entspannt - und wollen nur eine feine Woche haben."

Freilich: Die "feine Woche" wäre schwer zu verkaufen, wenn man am Strand Bücher lesende junge Leute zeigen würde: Eine Event-Maturareise muss Erwartungen erfüllen - und Sonne, Sand und Meer kriegt man sogar mit den Eltern. Darum gehört das Kokettieren mit dem durchinszenierten Dauerexzess fast zum guten Ton: Eltern kann man - zum letzten Mal - ihre Ohnmacht vorführen. Lehrern zeigen, was ihre Arbeit gefruchtet hat. Und - nicht zuletzt - Sponsoren freuen sich, wenn zwischen und auf enthemmten Jung-Schnuckelkörpern ihre Logos in TV-Magazinen und Illustrierten auftauchen.

Das verstehen sogar die rund 30 Absolventen der HAK Parhammerplatz (Wien-Josefstadt), die in einheitlichen Schulabschluss-T-Shirts am Strand liegen. Sie seien, beteuern sie, zwar froh, dass hier in Wirklichkeit "keine Alkleichen durch die Gegend torkeln" - aber ohne das "Party-Saufen-Bumsen"-Image dieser Reisen wären sie kaum darauf aufmerksam geworden. Das Konzept funktioniert: Seit sieben Jahren werden Monster-Maturareisen immer beliebter. Und im Kampf um den frischreifen Gast setzt keiner der drei Anbieter (neben "Doc LX" in Tunesien sind das "Mission 2 Beach" und "Summer Splash" in der Türkei) auf Understatement und Dezenz. Im Gegenteil

"Swingerclub"

Er habe, betont auch Alexander Knechtsberger, Veranstalter des "Doc LX Jam" in Tunesien (nebenbei mit 200 Partys pro Jahr Österreichs größte Clubbingveranstalter) "keinen Bildungs-, sondern einen Unterhaltungsauftrag". Darum karrt der 36-jährige Event-Tycoon ein Team von 40 DJs, Gogos, Betreuern und Ärzten in den All-inclusive-Club - und bietet 3500 Jugendlichen in zwei je einwöchigen Tranchen das, was sie in jahrelangem Partykonsumtraining zu wollen gelernt haben: Unterhaltung pur, ohne Kompromiss: tagsüber Beach-Fun und Wassersport, nachts Party. Am Strand, um den Pool und in der Disco. Alkohol gratis, Kondome auf dem Zimmer - und die Siegerin beim Wet-T-Shirt-Contest bekommt ein Handy. Knechtsberger: "Das ist ein anspruchsvoller Swingerclub für Maturanten."

Er selbst, gibt der Jurist zu, "würde nie in einem Club Urlaub machen. Aber mit 18 wäre ich froh über so ein Angebot gewesen." Auch die Parhammerplatz-Absolventen haben lange diskutiert, ob aus gerechnet ein Cluburlaub den Schluss- und Höhepunkt ihrer Erziehung zum selbstständig denk- und entscheidungsfähigen Menschen darstellen soll: "Als Gruppe ist ein Club am besten: Man weiß, man ist zusammen. In anderen Clubs nerven uns alte Leute und Kinder. Dort gehen wir denen auch auf die Nerven." Länger als eine Woche "würden wir das aber nicht aushalten".

Freilich: Nicht einmal Knechtsbergers Medienpartner würden angesichts solcher - sogar für Erwachsene nachvollziehbarer - Argumente mit den Ohren wackeln - worauf es im Leben ankommt, verrät denn auch ein Redaktionsteam der Presse, das das konservative Qualitätsblatt der Elite von morgen (Knechtsberger ist stolz, viel Publikum aus Nobelschulen anzuziehen) schmackhaft machen sollen. In der täglichen Club-Ausgabe der Zeitung demonstriert man wahrlich großen Horizont: Erklärt wird da, "dass es keine hässlichen Menschen gibt, wenn Alkohol in rauhen (sic!) Mengen fließt" oder dass "die Bälle, die sich bei Männern großer Beliebtheit erfreuen . . . im Bikini freudig auf und ab hüpfen und bei den Spielen am Pool ganz schön in Action" sind. Noch ein Presse-Tipp für Maturanten: "Aus dem Saugen an der Wasserpfeife kann ja ein Blasen anderer Art zustande kommen."

Partyfotograf Jürgen Hammerschmid steht am Strand und plaudert mit ein paar Jugendlichen. Über die Freundin daheim, das Studium im Herbst und die USA im Irak. Einer hat seine Gitarre mitgenommen. Hammerschmid lässt die Kamera ausgeschaltet. Er weiß, warum. (Thomas Rottenberg/DER STANDARD; Printausgabe, 30.6.2004)

  • Poolparty für 3.500 Kids
    foto: rottenberg

    Poolparty für 3.500 Kids

Share if you care.