Ruhrfestspiele: Frank Castorf will kämpfen

5. Juli 2004, 22:41
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Der Berliner Regisseur will seinen Vertrag auch juristisch verteidigen und sieht "stalinistische Methoden"

Berlin/Recklinghausen - Der Berliner Regisseur Frank Castorf will um seinen Vertrag als künstlerischer Leiter der Ruhrfestspiele kämpfen. Er werde gegen die am Dienstag ausgesprochene Kündigung nach nur einer Saison notfalls auch juristisch vorgehen, sagte der Intendant der Berliner Volksbühne am Mittwoch in seinem Theater.

Castorf sprach von "stalinistischen Methoden", die er aus der DDR noch allzu gut in Erinnerung habe. Dort habe er etliche Arbeitsprozesse gewonnen. Das Vorgehen der Gesellschafter der Ruhrfestspiele sei seiner Ansicht nach ähnlich, auch da habe er gehört: "Wir geben dir das Geld und du bist so undankbar."

"Das will ich schon genau wissen"

Er gehe davon aus, dass sein vierjähriger Arbeitsvertrag bis 2007 als künstlerischer Leiter der Ruhrfestspiele weiter bestehen bleibt, da ihm die "wichtigen Gründe" der außerordentlichen Kündigung bisher nicht genannt worden seien. "Das will ich schon genau wissen, wo meine Vertragsverletzungen liegen." Eine Vertragsauflösung mit Abfindung habe er abgelehnt. Offenbar sei er jetzt mit Hausverbot bei den Festspielen belegt.

Die Stadt Recklinghausen will die Entlassung Castorfs notfalls auch juristisch durchsetzen. "Wir streben eine einvernehmliche Lösung an. Aber wenn Herr Castorf es will, werden wir ihm auch formell kündigen", sagte Oberbürgermeister Wolfgang Pantförder (CDU) am Mittwoch. Die Gründe würden Castorf dann schriftlich mitgeteilt.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund DGB, einer der Gesellschafter, und Castorf suchen trotz ihres Streites nach einer gütlichen Einigung, sagten DGB- Pressesprecher Hilmar Höhn und Castorfs Anwalt Peter Raue am Donnerstag. Gleichzeitig hat laut DGB die Suche nach einem Nachfolger für Castorf begonnen: "Es drängt, die Festspiele brauchen einen Vorlauf."

"Volksbühne West"

Castorf zeigte sich allerdings auch bereit, über gewisse Veränderungen bei den nächsten Ruhrfestspielen mit sich reden zu lassen. Die Reaktion des Publikums habe ihm zum Teil nicht gefallen. "Ich bin lernfähig, aber kein Opportunist." Er habe auch nie gesagt, dass er das Publikum für "kleinbürgerlich oder piefig" halte. Man könne bestimmte Neuproduktionen im nächsten Jahr einschränken und über eine "Konzentration von Zeiten, Personal und Geld" nachdenken. Auch habe ihm der designierte Intendant der Ruhrtriennale, Jürgen Flimm, eine stärkere Kooperation angeboten.

Den Vorwurf, er habe nur eine "Volksbühne West" mit deren radikalem Theaterstil nach Recklinghausen übertragen wollen, wies Castorf "entschieden zurück". Aber es sei ihm wichtig gewesen, einen Umbruch in den Ruhrfestspielen einzuleiten, die das dringend nötig hätten. Der Besucherrückgang sei relativ und könne längerfristig aufgefangen werden. "Für Konzerte mit Udo Lindenberg oder Esther Ofarim stehe ich nicht zur Verfügung. Wo Castorf drauf steht, ist auch Castorf drin." Jeder hätte sich vorher über seine Arbeit informieren können. "Ich habe mich nicht beworben. Man ist zu mir gekommen." Der Vorwurf eines "Nischenprogramms" sei angesichts von Einladungen zu Festivals wie Salzburg oder Avignon absurd.

Zweierlei Armut

Der scheidende Ruhrtriennale-Intendant Gerard Mortier hat die Entlassung Castorfs unterdessen als "Armutszeugnis ohnegleichen" kritisiert. Das erinnere an "schlechteste DDR-Zeiten", sagte Mortier am Mittwoch in einer Stellungnahme. Die nordrhein-westfälische Landesregierung wird den finanziell angeschlagenen Ruhrfestspielen mit einem Defizit von 700 000 Euro keine zusätzlichen Mittel zur Verfügung stellen.

Die jetzige Situation hätten die Stadt Recklinghausen und der DGB als Gesellschafter alleine herbeigeführt, sagte Landeskulturminister Michael Vesper (Grüne). Der frühere Leiter der Ruhrfestspiele, Hansgünther Heyme, befürchtet, dass das Festival mit dem hohen Defizit vor dem Bankrott steht.

Zu dem vor zwei Wochen zu Ende gegangenen Festival kamen rund 22.000 Besucher, die Auslastung lag bei 35 Prozent, in den Vorjahren zwischen 75 und 82 Prozent. (APA/dpa)

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