Studie: Pressekonzerne drängen kleinere Zeitungen aus dem Markt

6. Juli 2004, 13:40
2 Postings

Experten empfehlen Organisation des Pressevertriebs nach Vorbild der öffentlichen Infrastruktur

Der Pressevertrieb in Deutschland leidet unter Beeinträchtigungen, die zu Lasten kleiner Titel gehen und die grundrechtlich geforderte Meinungsvielfalt bedrohen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Forschungsprojekt des Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig, wie die Uni am Montag mitteilte. Fazit der in sechs europäischen Staaten durchgeführten Untersuchung: Die Versorgung der Bevölkerung mit Tagespresse ist in den westeuropäischen Staaten gefährdet.

Vier Jahren lang untersuchten der Medienwissenschaftler Michael Haller und sein Forscherteam in Italien, Frankreich, Großbritannien, Belgien, den Niederlanden und Deutschland die Leistung der Vertriebssysteme. "Wir wählten den Pressevertrieb, weil sich an ihm ablesen lässt, ob das Prinzip der Informationsfreiheit ernst genommen wird und die Pressevielfalt in Europa noch gesichert ist", kommentierte Haller den Forschungsansatz. Dabei habe sich herausgestellt, dass insbesondere in Italien die Reichweite der vom Straßenverkauf abhängigen Tagespresse auf einen bedenklich tiefen Stand gesunken sei. Auch in Frankreich und Großbritannien gehe die Reichweite der Zeitungen dramatisch zurück.

Pressevielfalt steht in Frage

Zwar verfüge Deutschland derzeit noch über das leistungsfähigste System des Pressevertriebs, doch sei auch dieses akut bedroht, hieß es. Die Gefahr für das System habe vor allem eine Ursache: Einige wenige Pressekonzerne benutzten den Vertrieb, um ihre Massentitel im Markt durchzusetzen und kleinere Titel zu verdrängen. "Wenn an der Ladentheke der Grundsatz der Gleichbehandlung aller Titel aufgegeben wird, steht auch die Pressevielfalt in Frage", resümierte Haller.

Der Medienforscher erklärte, dadurch entstünden möglicherweise Strukturen wie in den USA, wo die marktbeherrschenden Supermarktketten kaum noch Zeitungen anböten. Um etwas gegen diese Entwicklung zu tun, empfahl die Studie eine Neuorganisation des Vertriebssystems nach dem Muster öffentlicher Infrastruktur, vergleichbar mit dem Schienen- und Telefonnetz. Die Presse sei auch im Zeitalter des Internets "das wichtigste Medium für Hintergrundinformation", unterstrich Haller. "Stirbt sie, dann geht auch ein Stück Demokratie zu Grunde." (APA)

Share if you care.