Blut saugende Raubwanze wird neue Laborassistentin

5. Juli 2004, 13:04
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Deutsche Biologen verwenden statt einer Kanüle ein Insekt zur Blutabnahme

Berlin - Kein Tier lässt sich gerne Blut abnehmen. Katzenbesitzer kennen das aus eigener Beobachtung beim Tierarzt. Sobald er mit einer Spritze anrückt, gibt es fauchenden Protest. Der Stress, unter dem das Tier leidet, zeigt sich im Blut durch erhöhte Konzentration von Stresshormonen.

Zoo- und Wildtierforscher, die ihren Tieren gelegentlich Blut abnehmen müssen, stecken deshalb in einem Dilemma. Sie möchten die Hormonwerte bestimmen, zum Beispiel, um die Fruchtbarkeit einer Raubkatze festzustellen oder den Stresspegel eines Streifenhörnchens zu messen. Aber die Aufregung, die das Blutabnehmen verursacht, ist so groß, dass sie die Hormonwerte beeinflussen oder sogar verfälschen kann.

Zwei Biologen vom Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin haben nun eine Methode erprobt, die so einfach wie skurril klingt: Statt einer Kanüle benutzen sie zum Blutabnehmen eine mexikanische Raubwanze. Die bis zu zwei Zentimeter große Dipetalogaster maximus erweist sich als perfekte Laborassistentin, da sie im Laufe der Evolution gelernt hat, Blut zu zapfen, ohne dass es ihr Opfer merkt. Möglich ist das mithilfe eines Stech- und Saugrüssels, der nach Angaben der Berliner Forscher Christian Voigt und Ruth Thomsen "30 Mal feiner ist, als herkömmliche Kanülen".

Die Wanze lässt sich unauffällig in den Tierkäfig einschmuggeln. Hungrig wie sie ist, saugt sie sich voll, fällt von ihrem Wirt ab und kann dann wieder eingesammelt werden. Das Blut wird ihr hinterher mit einer Hohlnadel aus der Bauchhöhle entnommen, ohne das Tier zu töten.

Zunächst testeten die Forscher das Insekt an Hauskaninchen. Sie setzten ihnen die Raubwanze auf die Ohrenspitze und warteten, bis sie den Kaninchen etwas Blut aus der Ohrvene abgezapft hatte. Parallel wurde den Kaninchen Blut nach der herkömmlichen Methode abgezapft, mit der Kanüle aus dem Ohr.

Keine Veränderung

Die anschließende Analyse des Stresshormons Kortisol sowie der Geschlechtshormone ergab: Innerhalb desselben Tieres stimmten die jeweiligen Werte bei beiden Methoden überein. Das von der Wanze geraubte Blut wurde also auf dem Weg in ihren Verdauungstrakt nicht verändert.

Als nächstes untersuchten die Forscher laut Wissenschaftsmagazin "Geo", ob sich die Konzentration des Stresshormons veränderte, je nachdem in welcher Reihenfolge sie die beiden Methoden zur Blutabnahme anwandten. Der Unterschied war offensichtlich. "Die Kortisolwerte waren niedrig, wenn wir die Wanzen zuerst eingesetzt hatten", erläutert Christian Voigt von der Forschungsgruppe Evolutionäre Ökologie des IZW. "Und hoch, wenn wir die Kanüle zuerst benutzten." Damit hatten die Raubwanzen ihre Prüfung als Blutsauger im Dienste der Wissenschaft bestanden.

Mittlerweile ist das Verfahren an weiteren Tieren wie Hühnern, Singvögeln und Fledermäusen getestet worden. Anwendungsmöglichkeiten kommerzieller Art gebe es nicht nur in der Veterinärmedizin, sondern vor allem in der Pharmaindustrie. Blutproben von Labormäusen beispielsweise werden nicht selten durch eine tödliche Herzpunktion gewonnen, weil die Venen der Tiere zu klein für die Kanülen sind. Die Blutabnahme per Raubwanze, erklärt Thomsen, könne daher den Verbrauch an Versuchstieren erheblich senken.(Monika Rößiger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 6. 2004)

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    Schon bei einem wohlerzogenen Haustier erfordert Blutabnahme einen gewissen Beruhigungsaufwand - bei Wildtieren kann sich dies zu einem echten Problem auswachsen.

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