"Denken Sie nur an die ganze Creme!"

26. März 2005, 23:29
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Der französische Komiker und Porträtist des 20. Jahrhunderts, Jacques Tati, in einer Retrospektive im Wiener Gartenbau Kino

Es ist bitter, wie die Filmindustrie gerade jene ruiniert, die das Kino am konsequentesten weiterdenken. So auch den französischen Komiker und Porträtisten des 20. Jahrhunderts, Jacques Tati, dem derzeit im Wiener Gartenbau Kino eine Retrospektive gewidmet ist.


Wien - Erich von Stroheim, der mit Greed die Maßverhältnisse eines hyperrealistischen Erzählkinos als Konsequenz der Romantraditionen des 19. Jahrhunderts auslotete - und dafür letztlich geächtet wurde. Buster Keaton, der die Maschinerie des Kinos in gewagten, aufwändigen Produktionen wie The General sehr früh zum Äußersten trieb - und dafür am Ende seiner Laufbahn als abgebranntes Wrack durchs Fernsehen tingeln musste (auch wenn er noch Samuel Beckett inspirierte und mit diesem arbeitete). Oder: Orson Welles, Schöpfer des Citizen Kane, dem man in weiterer Folge zunehmend weniger Risiko zugestand.

Die Geschichte des Kinos, sie ist zugleich weit gehend eine Geschichte der Domestizierung von Erfindungsreichtum - und als solche voll mit Tragödien. Mit Episoden, in denen gerade jene "bestraft" werden, die das Medium an jene Bedrängnisse (und Schauwerte) herangeführt haben, die es selbst betreibt: Technologie, Beschleunigung, Montage, Macht- und Allmachtfantasien gegen ein Scheitern an trivialen Umständen ...

Als Jacques Tati 1982 starb, war er de facto pleite, der Rechte an seinen Filmen verlustig gegangen. Selbst die 70-mm-Version seines (für ihn ruinös aufwändigen) Meisterwerks Playtime (1967), die man getrost als "Director's Frame" bezeichnen kann, hatte er sich abkaufen lassen müssen.

Zerlegte Welt

Gerade sechs Langfilme hat der 1908 Geborene, der erst Ende der 40er-Jahre zum Kino kam, kreiert, gespielt und inszeniert. Das ist auf den zweiten Blick durchaus viel: Mit fast jeder seiner Arbeiten war er innovativ wie einst die Pioniere des frühen Stummfilms, sei es etwa in Jour de Fête, wo ein Slapstick-Dorfidyll parallel in Farbe und Schwarz-Weiß realisiert wurde, oder etwa in Playtime, jener Odyssee des Tati-Helden "Monsieur Hulot" durch eine (nachgebaute) Satellitenstadt, die man durchaus als angewandte Architektur- und Gesellschaftskritik sehen darf.

Nun, Kritik oder auch nur Analyse als Movens einer Erzählung ist nicht immer publikumstauglich. Die (immense) Körper und Situationskomik des Jacques Tati ist ohnehin immer sehr kühl und fast abstrakt (vergleichbar, wenn auch in anderen Spielformen, mit dem späten Jerry Lewis). Nicht nur den Helden von Tatis Filmen verschlug es also weit gehend die Sprache, sondern auch den Verleihern. Und so sind aus den späten Jahren des Künstlers nur noch "Projekte" überliefert, deren Realisierung wir heute ebenso bedürften wie der Modern Times des Charles Chaplin.

Der amerikanische Filmkritiker Jonathan Rosenbaum, seit jeher ein Anwalt der an den Rand gedrängten Genies (großartig seine Interviews mit Orson Welles), erinnert zum Beispiel gerne an ein Drehbuch, das er als junger Mann mit Tati entwickeln sollte.

Confusion hätte ein Film über das Fernsehen heißen sollen, eine gewaltige Abrechnung mit falschen Bildern und personalities, in dem Tati seinen Monsieur Hulot durch eine TV-Liveshow staksen lassen wollte. Mit letalen Folgen gleich am Beginn. Auftakt des Films hätte nämlich der Tod von Hulot, ausgelöst durch eine verirrte Pistolenkugel, sein sollen. Aber natürlich hätte die Show weitergehen müssen, während Techniker verzweifelt versuchen, Hulots Körper aus dem Studio zu entfernen, ohne dass dies "mitgeschnitten" wird - was naturgemäß nicht gelingt.

Der entsorgte Hulot

Rosenbaum wurde als Koautor eher zum Testbeobachter von improvisierten Performances des Regisseurs und Komikers, der als Publikum eigentlich Kinder (und Hunde!) bevorzugte, ihm aber in seinem kleinen Büro zum Beispiel sehr präzise die unterschiedlichen Figuren vorführte: Wie sie versuchen, Hulot zu entsorgen oder zu ignorieren, indem sie salopp über ihn steigen und weiter, als wäre nichts geschehen, ihren Dialog durchziehen.

Allein schon Tatis trocken vorgetragene Beschreibungen seiner Sicht aufs Fernsehen waren, so Rosenbaum, hörenswert: "Denken Sie nur an die ganze Creme in der Werbung. Ich schaute einmal von 9 Uhr Früh bis Mittag: nichts als Creme. Creme als Brotaufstrich, Schuhcreme, Gesichtscreme, Creme auf Kartoffeln, Schokoladencreme, die aussah wie ich weiß nicht was. Um 12.30 Uhr sollte ich einen Lunch verzehren, und ich sagte: ,Tut mir Leid, aber ich kann jetzt nichts mehr essen.'"

Was hätte das für Filmszenen ergeben! Tati scheint aber durchaus realistisch gewusst zu haben, dass er mit so einer frenetischen Hinrichtung von Hulot kein Budget erhalten würde. Rosenbaum: "Er probierte dann ein paar konventionellere Gags, und schließlich versank er wieder in seiner slawischen Melancholie und schaute eine Zeit lang aus dem Fenster. Dann lächelte er und sagte, wir hätten für heute wohl genug gearbeitet." (DER STANDARD, Printausgabe vom 29.6.2004)

Von
Claus Philipp

"Jacques Tati - eine Filmschau" läuft noch bis 4. Juli im Wiener Gartenbau Kino

Nachlese

Die Dinge machen die Witze
Oliver Elser über die Filme Tatis

  • Staunen über die moderne Wahnsinnswelt bis an den Rand des schieren Entsetzens: Jacques Tati (1908-1982), Meister der Slapstick-Tragikomödie.
    foto: viennale

    Staunen über die moderne Wahnsinnswelt bis an den Rand des schieren Entsetzens: Jacques Tati (1908-1982), Meister der Slapstick-Tragikomödie.

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