Über Eisbären und andere Geschichten

2. Juli 2004, 11:40
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Die 17-jährige Maria Scharapowa hat das Viertelfinale erreicht - Die russischen Damen lassen sich auf Rasen keinen Bären aufbinden

Russische Tennisspielerinnen erzählen schöne Geschichten. Sie nehmen sich ausreichend Zeit dafür, lächeln unaufdringlich. Das leicht Schwermütige ist ihnen zumindest in der Stimme erhalten geblieben, sie strahlen Ruhe, Verständnis, Sanftheit, aber auch Selbstbewusstsein aus. "Auf dem Tennisplatz ist das anders. Da fighten wir um jeden Punkt, der Siegeswille ist bei uns enorm ausgeprägt", sagte French-Open-Siegerin Anastasia Myskina vor ein paar Tagen in Wimbledon, ehe sie in der zweiten Runde an Amy Frazier gescheitert ist.

Myskina: "Ich habe die Marktwirtschaft kapiert"

Wäre sie, Myskina, nicht Tennisprofi geworden, hätte sie einen Sozialberuf ergriffen - kranke Kinder gepflegt oder für Obdachlose in Moskau Suppe gekocht. "Jetzt kann ich beides miteinander vereinbaren. Erfolg bringt Ruhm, und Ruhm bringt Geld, ich habe die Marktwirtschaft kapiert. Als Tennisprofi kann ich mehr gegen die Armut tun, ich nutze meine Bekanntheit aus. Jeder Titel bringt Kleidung für die Unterstandslosen. Es ist auch kein Nachteil, wenn man hübsch ist." Gemeinsame Fotos mit Vladimir Putin, der Tennis so nebenbei für einen gefährlichen Sport hält ("man kann ausrutschen und hinfallen"), schadeten nicht, sind in jedem Fall Mittel zum Zweck.

Immer wieder zieht es die 22-jährige Myskina heim nach Moskau. "Die Leute glauben immer noch, dass dort Eisbären durch die Straßen gehen. Ich will das Bild korrigieren. Russland hat zwar Probleme, ist aber wunderschön."

"Mein Spiel ist meine Ware"

Die Geschichte der Maria Scharapowa ist die einer 17-Jährigen, die als neues Pin-up-Girl und Nachfolgerin der im Tennis eher gescheiterten Multimillionärin Anna Kournikowa gehandelt wird. Was der 1,83 Meter hohen Scharapowa absolut nicht recht ist, zumal Kournikowa vermutlich niemals die russischen Klassiker gelesen hat. "Ich möchte nicht für meine Figur und mein Aussehen wahrgenommen werden. Ich bin kein Kunstgeschöpf, ich will in den Geschichtsbüchern des Tennis stehen. Mein Spiel ist meine Ware." Natürlich hat sich IMG der Scharapowa längst angenommen, Ausrüster-Verträge bescheren ihr Millionenbeträge. "Werbung mache ich nur, wenn ich Zeit habe."

Als sie sieben Jahre alt war, haute sie mit ihrem Papa Uri aus Sibirien ab, sie hatten 700 Dollar gespart. Endstation Miami, das Camp des Nick Bollettieri. Die Mama blieb daheim in Nyagan. Maria sollte ihre Mutter zwei Jahre lang nicht sehen, die bekam kein Visum. "Es war schön in Sibirien, aber meine Eltern erkannten mein Talent und meinen Ehrgeiz, wollten, dass mir die Welt offen steht."

Geistige Reife

Scharapowa hat bereits drei Turniere gewonnen (Quebec, Tokio und Birmingham), der WTA-Computer führt sie an 15. Stelle. Martina Navratilova, eine ihrer Mentorinnen, sagt: "Sie ist geistig und spielerisch weit, kann Großes erreichen." Im Tennis, so Scharapowa, habe man wie im Leben "eine 50:50 Chance". Gestern schlug sie in Wimbledon Amy Frazier 6:4, 7:5 und zog ins Viertelfinale gegen Ai Sugiyama ein. "Zu 50 Prozent wird das eine schöne Geschichte." (DER STANDARD, Printausgabe 29. Juni 2004, Christian Hackl)

  • Maria Scharapowa ist kaum zu stoppen.

    Maria Scharapowa ist kaum zu stoppen.

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