Kopf des Tages: Allawi, bekehrter Baathist der ersten Stunde

1. Juli 2004, 16:50
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Iyad Allawi ist Premierminister der irakischen Übergangsregierung

Iyad Allawis stärkste Legitimierung als irakischer Premier ist im Moment, dass er, als Kritiker der US-Zivilverwaltung, für dieses Amt nicht der bevorzugte Kandidat der USA war – allerdings lassen sich die Rebellen, die ihn an die Spitze ihrer Todesliste gesetzt haben, davon eher nicht beeindrucken. Allawi, von schiitischer Herkunft, selbst nicht religiös, kann aber eine gewisse Gefolgschaft im Irak nicht abgesprochen werden: besondern unter säkularen früheren Baathisten, die sich wie er selbst in den 70er-Jahren oder später vom Regime Saddam Husseins entfremdet haben.

In seiner Regierung gibt es einige Minister (Verteidigung und Inneres), die Saddam bis in die 90er-Jahre gedient haben. Mit der bewussten Reintegration der Baathisten in die irakische Res Publica vertritt Allawi ein den amerikanischen Wünschen – und denen ihres fallen gelassenen Lieblings Ahmad Chalabi – ursprünglich entgegengesetztes Programm. Mit Chalabi ist Allawi mehrfach verwandt; im Regierungsrat, in dem beide saßen, gerieten sie aber öfters aneinander. Das heißt, Allawi ist bestimmt kein Strohmann für Chalabi – obwohl im Irak das Blut bestimmt noch dicker ist als anderswo auf der Welt.

Iyad Allawi (60) war Baathist der ersten Stunde, bei der ersten Revolution 1963 gehörte er zum linken Flügel der Baath-Partei von Ali Salih al- Saadi, Baath-Generalsekretär, der später von den "Rechten" marginalisiert wurde. Allawi, Chef der Baath-Studentenorganisation, ging nach dem Abschluss seines Medizinstudiums nach London, um sich in Neurologie zu spezialisieren, und galt zuerst noch als streng linientreu.

Etwa Mitte der 70er-Jahre – Saddam war im Aufstieg begriffen – wandte er sich vom Regime ab und kritisierte 1979 den Irak, der im Begriff war, den Iran zu überfallen, aufs Schärfste: Darauf wurden ihm und seiner damaligen Frau, einer irakischen Christin, die Häscher auf den Hals gehetzt, sie überlebten einen Mordversuch nur knapp. 1991 sammelte er Gleichgesinnte – darunter viele Militärs und Ex- Baathisten – im Wifaq (auch INA: Iraqi National Accord).

Dass er mit der CIA und dem britischen Geheimdienst zusammenarbeitete, hat er nie verhehlt, viele Iraker verübeln ihm das aber schwer. Mitte der 90er-Jahre versuchte er mit CIA-Hilfe einen Putsch von Militärs gegen Saddam Hussein zu organisieren. Auch Allawi gehörte übrigens zu den Lieferanten von aufgeblasenen Waffengeschichten an die kriegswilligen Regierungen in Washington und London; auf ihn sollen die "in 45 Minuten einsetzbaren Chemiewaffen" zurückgehen.

Heute ist Allawi mit einer schiitischstämmigen Irakerin, der Tochter eines berühmten Generals, verheiratet; sie haben drei halbwüchsige Kinder, zwei Burschen und ein Mädchen. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 29.6.2004)

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    foto: epa/stefan zaklin
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