KarstadtQuelle vor Sanierung

5. Juli 2004, 16:23
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Konzernchef Achenbach arbeitet an umfassender Umstrukturierung - Börse reagierte positiv

Frankfurt - Der neue KarstadtQuelle-Chef Christoph Achenbach arbeitet an einem umfassenden Sanierungskonzept für alle Konzernbereiche, das offenbar auch die Schließung von Warenhäusern nicht ausschließt. Im Herbst werde Achenbach ein Gesamtkonzept vorstellen, sagte am Montag ein Konzernsprecher. Die Aussichten auf ein tief greifende Umstrukturierung durch den neuen Konzernchef ließen die Aktie am Montag deutlich steigen.

Gesamtkonzept nach 100 Tagen

Nach dem überraschenden Ausscheiden des früheren Vorstandschefs Wolfgang Urban Mitte Mai war Achenbach Anfang Juni an die Konzernspitze gerückt. "Achenbach hat sich eine umfassende Bestandsaufnahme vorgenommen und wird nach hundert Tagen ein Gesamtkonzept vorlegen", sagte der Konzernsprecher. Achenbach reagiert damit auf die wachsende Zahl von Spekulationen über die künftige strategische Ausrichtung des mit Umsatzrückgängen und einem defizitären Warenhausgeschäft kämpfenden größten Warenhaus- und Versandhandelskonzerns Europas. "Das Konzept wird alle Geschäftsfelder umfassen: Warenhäuser, Fachgeschäfte, Versandhandel, Dienstleistungen und Touristik", sagte der Sprecher. Einzelheiten werde KarstadtQuelle aber bis zum Abschluss der Bestandsaufnahme nicht nennen.

Derzeit keine Schließung von Warenhäusern

Der Sprecher bekräftigte indes, dass der Konzern derzeit keine Pläne zur Schließung von Warenhäusern habe. Aus unternehmensnahen Kreisen hieß es aber, Achenbach schließe diese Option nicht grundsätzlich aus und habe sie als "Ultima Ratio" - als letzte Möglichkeit - bezeichnet. Zahlreiche Gründe sprächen allerdings gegen Schließungen. Medienberichten vom Wochenende zufolge plant der Konzern die Schließung von bis zu 30 unrentablen Warenhäusern. Dadurch könnten bis zu 2:500 Arbeitsplätze wegfallen. Ein Konzernsprecher hatte den Bericht zwar zurückgewiesen und erklärt, es gebe zur Zeit kein aktuelles Schließungsprogramm. Aus Unternehmenskreisen hatte Reuters aber erfahren, dass der Warenhausbereich an einem deutlichen Stellenabbau wohl nicht vorbeikomme. Die Umsatzentwicklung in den Warenhäusern im Mai sei schlecht verlaufen.

Achenbach stimmte die leitenden Angestellten des Konzerns am Nachmittag gemeinsam mit dem neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Thomas Middelhoff auf die bevorstehenden Weichenstellungen ein. Ein Unternehmenssprecher sagte, dass Achenbach und Middelhoff vor Führungskräften sprachen. Es handle sich um eine Veranstaltung zum Kennenlernen der beiden neuen Spitzenmanager.

Starker Kursgewinn

Die Aktie des im MDax notierten Unternehmens reagierte am Montag mit einem Kursplus von zeitweise sechs Prozent auf die Spekulationen über die Schließung von bis zu 30 Warenhäusern. Am Nachmittag lag das Papier noch mit 3,5 Prozent im Plus bei 17,60 Euro. "Die Aussicht auf eine bevorstehende Schließung von Warenhäusern sorgt für Fantasie", sagte Christian Bruns, Analyst bei Sal. Oppenheim. "Allerdings wäre die Schließung von lediglich 27 Häusern nur ein erster Schritt auf dem Weg der Sanierung des stationären Einzelhandels." Barbara Ambrus von der LBBW sagte: "Dass nach dem sehr schlechten ersten Quartal was passieren muss, ist klar."

Die Analysten führten das Kursplus auch auf weitere Einsparungen bei Thomas Cook zurück. Der angeschlagene Touristikkonzern, an dem die Deutsche Lufthansa und KarstadtQuelle zu gleichen Teilen beteiligt sind, will in einem neuen Tarifvertrag längere Arbeitszeiten, weniger Urlaubstage sowie Gehaltskürzungen festschreiben.

24 Warenhäuser im Fokus

Die schwache Rendite der Warenhäuser ist für KarstadtQuelle schon seit Jahren ein brennendes Thema. Aus den unternehmensnahen Kreisen verlautete, schon der frühere Vorstandschef Urban habe in Modellrechnungen aufgezeigt, dass ein modernes und profitabel führbares Warenhaus mindestens 8:000 Quadratmeter Fläche haben müsse. Von den 180 Warenhäusern der Warenhaus AG würden derzeit 24 nicht dieser Anforderung entsprechen. Die Schließung eines Warenhauses sei aber nicht gleichbedeutend mit Kosteneinsparungen. "Zunächst einmal gibt es erhebliche Schließungskosten, vor allem durch die dann erforderlichen Sozialpläne. Zum anderen ist fraglich, ob die betroffenen Immobilien Gewinn bringend verwertet werden können", hieß es in den Kreisen. Im übrigen seien viele Karstadt-Immobilien längst auf den ausgelagerten Pensionsfonds des Konzerns übertragen worden.

Aus der Immobilienbranche hieß es dazu, nicht nur die Handelsimmobilien von Karstadt, sondern auch von anderen Handelskonzernen wie Metro würden derzeit am Markt nicht annähernd den Preis erzielen, den sie sich vorstellten. "Da herrschen völlig überzogene Vorstellungen", hieß es. (APA/Reuters)

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