Der schlecht gelaunte Kommissar unseres Vertrauens

30. Juni 2004, 17:25
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Im Rahmen von Ciné Méditerranée würdigt das Filmarchiv den bulligen Italo-Franzosen Lino Ventura mit einem sehenswerten Tribute

Das Filmarchiv Austria widmet sich diesen Sommer mit einer umfangreichen Schau dem Kino des Mittelmeerraums – und würdigt den französischen Schauspieler Lino Ventura, der über 80 Filme durch seine bullige Präsenz prägte, mit einem sehenswerten Tribute.


Irgendwann scheinen die Ausmaße des Komplotts, dem er auf die Spur gekommen ist, für seine Vorstellungen zu immens. War er bis dahin mit der Gelassenheit eines routinierten Inspektors den Indizien gefolgt, ergreift ihn nunmehr die Angst. Er tritt auf den Balkon, sein Blick wandert über jene der gegenüberliegenden Wohnhäuser. Auf jedem davon könnte der Scharfschütze lauern, der bereits eine Reihe von Justizbeamten ermordet hat. Plötzlich wirkt er gehetzt – nervös wie ein Tier, das man in die Enge getrieben hat.

Es gibt nicht viele Szenen im Werk von Lino Ventura, in denen er Schwäche erkennen lässt. Insofern nimmt die Situation in Francesco Rosis Politthriller Cadaveri Eccelenti / Die Macht und ihr Preis (1976) eine Ausnahmestellung ein: Ein Polizist mit unerschütterlicher Moral, die sich im jahrelangen Kampf auf den Straßen nur noch gefestigt hat, versucht hier auf sich allein gestellt ein Verbrechen aufzuklären, das seinen Radius bereits weit übersteigt. Seine bullige Physis, die grüblerische Insistenz, sein Ethos als Einzelgänger – all das wirkt mit einem Mal wirkungslos.

Rosi hat Ventura, zu diesem Zeitpunkt bereits ein großer Star des europäischen Kinos, sicher mit Bedacht gewählt. Kein anderer verkörperte damals so sehr den bodenständigen Polizisten; kein anderer musste, konfrontiert mit einer politischen Verschwörung, so hilflos, gar anachronistisch wirken. Ventura – das behielt er sich von seiner ersten Profession als Turnierringer – brauchte einen greifbaren Gegner, die physische Herausforderung. Auch dann noch, wenn er den für ihn charakteristischen Arbeitsanzug und einen Trenchcoat trug.

Ringer und Gangster

Das Filmarchiv Austria widmet dem französischen Schauspieler im Rahmen seines Sommerkino-Programms Ciné Méditerrané ein Tribute – weitere Schwerpunkte gelten Pedro Almodóvar, Federico Fellini oder auch dem ägyptischen Kino. Ventura als mediterranen Typus zu verstehen legt schon seine Biografie nahe: Angelo Borrini, so sein bürgerlicher Name, wurde 1919 als Sohn eines Exportunternehmers aus Parma geboren, kam aber mit acht Jahren bereits nach Frankreich.

Zum Kino gelangte er durch Zufall; nachdem er als Ringer aufgrund einer Verletzung aufhören musste, gab ihm Jacques Becker 1953 in Touchez pas au Grisbi / Wenn es Nacht wird in Paris seine erste Rolle als Gangster – Jean Gabin, mit dem man ihn später oft verglich, spielte damals die Hauptrolle. Venturas Physiognomie schien ihn anfangs für kriminelle Figuren zu prädestinieren: sein zerknautschtes Gesicht mit der platten Nase, die oft in Falten gelegte Stirn, die Gewalt, die in seiner gedrungenen Statur eher unruhig schlief.

Später sah er dieses Rollenfach eher als Handikap – die ambivalente Beziehung zwischen der Polizei und der Unterwelt in Frankreich, meinte er, sei schuld daran, dass man ihn allzu oft stereotypisierte. Nichtsdestotrotz: Die Rolle des wortkargen, meist auch recht übellaunigen Mannes dies- und jenseits des Gesetzes war sein Revier. "Ich habe Grenzen. Ich hatte nie Training. Was ich kann, bin ich selbst", so Ventura einmal, "Und am liebsten wäre es mir, ich müsste gar nicht reden."

In Henri Verneuils Le Clan des Siciliens / Der Clan der Sizilianer (1969) ist er in der Figur des Flic bereits so etwas wie der Mehrwert seiner selbst. Während Alain Delon als skrupelloser Gangster aus dem Gefängnis entkommt und mit dem Mafiapaten Jean Gabin den nächsten Coup plant, der die beiden über Rom bis nach New York führen wird, fällt Ventura die passive Rolle des genervten Kommissars zu, der in Paris sitzen bleibt – aber immer ahnt, dass die anderen etwas im Schilde führen.

Erschwerend kommt hinzu, dass er gerade mit dem Rauchen aufgehört hat. Ganz der instinktive Polizist, der bisweilen auch unsaubere Mittel anwendet, um der Lösung des Falles näher zu kommen, taucht er mit nicht brennender Zigarette zwar an den richtigen Orten auf, die Gangster entwischen ihm aber dennoch. Aber beides ist hier nur eine Frage der Zeit: Er wird sie so selbstverständlich erwischen, wie er davor wieder zu rauchen beginnt.

Die ikonografische Qualität Venturas verdeckt ein wenig den Umstand, dass er mit zunehmendem Alter vermehrt Charakterrollen übernahm – oder auch mit großem Erfolg als Komiker agierte wie beispielsweise in José Giovannis L'Emmerdeur / Die Filzlaus (1973), wo er als Killer von seinem lebensmüden Nachbarn Jacques Brel daran gehindert wird, seinen Job auszuüben.

Als der ranghohe Widerstandsaktivist Gerbier in Jean-Pierre Melvilles Résistance-Drama L'Armée des ombres / Armee im Schatten (1969) gelingt Ventura eine seiner differenziertesten Darstellungen. Hier agiert er merklich zurückhaltender; die Lage erfordert nämlich, vor jeder Aktion sondiert zu werden – und dennoch wird sein Führungsstil mit der Zeit merklich härter, sturer und kompromissloser.

Reduzierter Ausdruck

Melville demonstriert anhand kleiner Gesten die Ambiguität des Handeln: Da genügt es etwa, dass Gerbier den Tanz einer Gruppe von Soldaten in einer Mischung aus Staunen und Beglückung mitverfolgt, so als sähe er dies alles zum letzten Mal. Ventura überzeugt stets mit minimalem Ausdruck, durch eine Präsenz, die nichts Bühnenhaftes hat, sondern eher von Unwillen zum Schauspiel zeugt: Wie auch in Claude Millers Kammerspiel Garde à vue / Das Verhör (1981), in dem Michel Serraults Täuschungsmanöver und Romy Schneiders Mysteriösität an seiner entschlossenen Gegenwärtigkeit einfach abprallen. (DER STANDARD, Printausgabe, Beilage Sommerkino 2004, 1.7.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

Ciné Méditerranée

9. Juli bis 15. August 2004 im Filmarchiv im Augarten (Zelt und Openair, Wien 2., Obere Augartenstr. 1; 2161300), bis 13. Oktober im Metro Kino (Wien 1., Johannesgasse 4, 5121803)

Link

Filmarchiv.at

  • Lino Ventura in "Der Clan der Sizilianer"
    foto: filmarchiv

    Lino Ventura in "Der Clan der Sizilianer"

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