Der VIP-Demokratie-Test

1. Juli 2004, 18:07
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Wolfgang Rosam, Lobbyist, Netzwerker und Chef einer der größten PR-Agenturen, bringt einen Lokalführer heraus

Demnächst gibt es also 25.000 Restaurantkritiker mehr in diesem Land. Und zwar deshalb, weil der VIP Gourmet-Club am Markt platziert wird, ein Lokalführer, der nicht durch „professionelle“ Tester bestritten wird, sondern durch das Publikum. Vorbild ist der in New York und anderen großen US-Städten unverzichtbar gewordene „Zagat“, der nicht nur einigermaßen durch Aktualität brilliert, sondern vor allem auch durch Plausibilität der Wertungen und noch mehr durch die meistens äußerst humorvollen Kommentare der Leser – positiv und negativ bunt gemischt, man kann sich selbst ein ganz gutes Bild machen, es kommt der vagen Vorstellung von „Wahrheit“ schon recht nahe.

Anders als bei Zagat

Die Sache bei Zagat ist nur die: In dem Moment, wo man sich dort als Tester registrieren lässt, unterzeichnet man quasi auch mit Blut, diese Tatsache geheim zu halten und keinesfalls dem Gastronomen gegenüber zu erwähnen. Das schaut beim VIP Gourmet-Club ein wenig anders aus, da gehört es nämlich zum Programm, erstens schon einmal über ein zukünftiges Zentral-Büro den Tisch zu reservieren, oder zumindest sich bei der Reservierung schon als Mitglied des Clubs zu erkennen zu geben. Denn: Restaurants sind angehalten, VIP Gourmet Club-Mitgliedern nicht nur den besten Tisch im Restaurant zu reservieren, sondern die Members außerdem noch mit kleinen, eingeschobenen Extra-Gängen oder ein Gläschen erfrischenden Schaumweins zu vergnügen. In sich stimmig, schließlich greifen die „VIPs“ dann ja nach dem Essen zum Handy und schicken fünf SMSe ans Zentralbüro, mit denen sie Küche, Service, Ambiente, Keller und Preis-Leistungsverhältnis bewerten – und je lieber man zu ihnen war, desto besser wird dann wohl auch die Wertung ausfallen.

Offen oder verdeckt

Ob Restaurantkritiker jetzt offen oder verdeckt arbeiten sollen, ist natürlich Einstellungssache, Wolfgang Rosam wehrt diesbezügliche Angriffe mit dem Argument ab, dass die Restaurantkritiker der Zeitungen und Magazine ja auch alle bekannt seien, beziehungsweise auf quasi Fahndungsfotos verewigt, die angeblich – so lautet die Legende – auf der Rückseite jeder Küchentüre hängen. Auch dass Wolfgang Rosam selbst Teilhaber eines Restaurants (fabios) ist, soll nicht das primäre Problem sein, er sagt, dass er ja auf die Wertung keinerlei Einfluss habe, da diese ausschließlich von den 25 bis 40.000 Testern käme. Eigenartiger ist eher die Vorstellung, dass der VIP Gourmet Club mit den getesteten Restaurants in eine Geschäftsbeziehung tritt, da nämlich von Club-Mitgliedern mit einer speziellen VIP Gourmet Club-Kreditkarte bezahlt werden kann und soll. Die zwar ein konkurrenzlos niedriges Disagio besitzt (0,85%), aber Business ist nun einmal Business. Das ist in dieser offenen Direktheit von bisherigen Führern noch nicht praktiziert worden.

Demokratisierung der Restaurantkritik

Ein weiteres Problem an der guten Idee: Die thematisierte Demokratisierung der Restaurantkritik ist nur eine halbe, denn vorerst wird die Club-Mitgliedschaft den besten Kunden der beiden Sponsoren Erste Bank und T-Mobile angeboten. Wer von diesen nicht angesprochen wird, kann sich immerhin auf eine Warteliste setzen lassen. Mit Stolz darf man da freilich kein Problem haben. Und da das Abstimm-Verhalten der „Gourmet-affinen“ (Rosam) Kunden dieser beiden Firmen nicht wirklich berechenbar ist, wurde noch ein so genannter Beirat eingeschaltet, ein Gremium aus Gourmet-Journalisten (bin da auch dabei) und Restaurantkritikern, die Wildwuchs und Plausibilitätsmangel Einhalt gebieten sollen. Auch keine schlechte Idee, so eine Supervisions-Ebene hätte auch anderen Guides ab und zu schon ganz gut getan. Angesichts der Tatsache, dass die Publikumsdynamik in unterschiedlichen Restaurants aber eben auch sehr unterschiedlich ist – ins Schweizerhaus gehen nur Schweizerhaus-Fans, werden entsprechend hoch bewerten, ins Steirereck gehen indes die kritischsten Esser des Landes, das Ergebnis wird entsprechend ambivalent ausfallen – dürfte dieser Beirat aber ganz schön was zu tun bekommen.

Es ist neu und anders, und man muss sich halt einmal daran gewöhnen. Wie’s funktioniert, wird man sehen, dass es funktioniert, steht zu hoffen.

Von Florian Holzer
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