Milan Baros Superstar

28. Juni 2004, 13:57
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Ex-Liverpool-Trainer Houiller brachte den Tschechen zu Verzweiflung, jetzt ist der Jungstürmer eine der heißesten Aktien der Fußball-Welt

Prag - Milan Baros, Stürmer des von den Buchmachern ernannten 11:8-EM-Favoriten Tschechien, bekommt die portugiesische Fußball-Luft besonders. Der 22-Jährige vom Liverpool FC ist der einzige Spieler, der in allen bisherigen vier Spielen seiner Mannschaft gescort hat. "Wenn mir jemand vorher prophezeit hätte, ich würde nach dem Viertelfinale fünf Toren auf meinem Konto haben, ich hätte es nicht gelaubt", sagte der "Man of the Match" nach seinem Doppelpack am Sonntag gegen Dänemark.

Baros von der Schokoladenseite

Baros, alleinige Führender der Torschützenliste vor dem bereits ausgeschiedenen Engländer Wayne Rooney bzw. vor dem Niederländer Ruud van Nistelrooy (je vier), zeigt sich auf der iberischen Halbinsel von seiner Schokoladenseite. In der vergangenen Saison hatte er in der Premier League für die Reds nur ein einziges Törchen erzielt, in Portugal ist er jetzt die Nummer eins und kratzt am EM-Rekord des Franzosen Michel Platini, der 1984 im eigenen Land in fünf Spielen en suite jeweils getroffen hat.

Wegen einer Knöchelverletzung und der dadurch bedingten Pause hatte Baros für seinen Klub lediglich 13 Liga-Spiele bestritten. Seit seinem Debüt für Banik Ostrau in der Saison 1998/99 und seinem Engagement auf der Insel hat Baros bisher insgesamt 33 Mal den gegnerischen Torhüter bezwungen. Viel höher hingegen ist seine Trefferausbeute im rot-blau-weißen Teamdress, in dem er in 29 Länderspielen 21 Mal seine Visitenkarte abgab. Zuletzt allein neun Mal in sieben Partien.

Am Rand der Verzweiflung

Die Ursachen in dieser Diskrepanz zwischen Verein und Team sieht Baros in Gerard Houllier. "Er hat mir mein Selbstvertrauen genommen, ich habe meine Motivation schon so verloren gehabt, dass ich dachte, es wäre das Beste, Liverpool im Sommer zu verlassen", gesteht der Striker, der immer wieder bei Einberufungen in dem Teamkader frischen Mut für die schwierige Zeit getankt hat. Und jetzt darf er auch aus anderem Grund Hoffnung schöpfen. Houllier wurde durch den Spanier Rafael Benitez ersetzt.

"Jeder Spieler beginnt in der nächsten Saison unter Benitez unter gleichen Voraussetzung. Und ich hoffe, dass ich meine Form von Portugal mitnehmen werde." Doch vorerst gilt seine ganze Konzentration dem tschechischen Nationalteam, dessen Feldherrn Karel Brückner, unter dem er schon in der U21-Auswahl gespielt hat, und dem Unternehmen EM. "Das Wichtigste ist nun das Semifinale und das Spiel gegen die Griechen. Das wird sehr schwierig für uns. Sie haben die Portugiesen geschlagen und die Franzosen eliminiert, die spielen wirklich sehr stark."

"Wir denken nicht, Favorit zu sein"

"Die Hellenen verfügen über eine gute Verteidigung. Wir denken nicht, Favorit zu sein, sondern nur von Spiele zu Spiel", warnt Baros vor verfrühter Euphorie und Unterschätzung des Gegnern. "Aber natürlich wollen wir ins Finale und auch dieses Spiel gewinnen", fügte der Mann mit den blauen Schuhen hinzu. Seit er Blaue statt Silberne trägt, erleben die Gegner ihr blaues Wunder. "Wir sollten seine Schuhe in einen Tresor schließen, damit sie nicht verloren gehen", scherzt Teamkollege Tomas Rosicky.

In Tschechien haben in der Nacht zum Montag Tausende die Qualifikation ihrer Mannschaft für das Halbfinale der Fußball-Europameisterschaft gefeiert. In Prag waren bereits vor dem Schlusspfiff zahlreiche Fans in Trikots ihrer Idole und mit rot-weiß-blauer Farbe im Gesicht auf den zentralen Wenzelsplatz geeilt, um mit Sekt oder auch nur mit Dosenbier auf das 3:0 gegen Dänemark anzustoßen. Ganz Schlaue reservierten bereits in der Nacht in Restaurants Plätze für das Spiel gegen Griechenland am Donnerstag.

Glaube an den Titel

In vielen Städten hatten Tausende am Sonntagabend vor Großbildleinwänden die Begegnung verfolgt, davon zahlreiche mit tschechischer Nationalflagge. Nach dem Schlusspfiff fielen sich die Menschen in die Arme und strömten zum Feiern in nahe Gaststätten. Erst nach diesem Sieg glauben die zuvor eher skeptischen tschechischen Fußballfans fest an den EM-Titel für die eigene Mannschaft. Wohl nur der Olympiasieg im Eishockey, dem Nationalsport der Tschechen, hatte 1998 ähnliche Euphorie ausgelöst.(APA)

  • Milan Baros in Top-Form.

    Milan Baros in Top-Form.

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