Im Würgegriff der Gewalt

9. Juli 2004, 14:19
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Ein Kommentar zur Lage im Irak von Gudrun Harrer

Wir werden sie verfolgen, wir werden sie vernichten": Der künftige irakische Ministerpräsident, Iyad Allawi, beherrscht die international gängige Anti-Terror-Rhetorik bereits perfekt. Das Rezept wird nur leider im Irak ebenso wenig funktionieren wie anderswo. Nichts weist derzeit darauf hin, wie man das Problem der eskalierenden Gewalt in den Griff bekommen könnte. Die einzige Hoffnung ist, dass die Gewalt in den Tagen rund um den 30. Juni - der so genannten Machtübergabe - in einer natürlichen Kurve einen Zenit erreicht, dass es also danach wieder bergab damit geht.

Ironischerweise ist es den irakischen Rebellen mit ihren Gewaltexzessen gelungen, dieses Datum mit einer Signifikanz zu versehen, welche die tatsächliche übersteigt. In dieser Beziehung tun sie der Bush-Regierung fast einen Gefallen. Denn die Besatzung ist Anfang Juli de facto natürlich nicht zu Ende, in Zukunft ist eben nur eine irakische Regierung - am Rande - an ihrer Administrierung beteiligt.

Für die Rebellen ist das höchstens ein Grund für eine Verlagerung ihrer Schwerpunkte: "Das Fleisch jener, die mit den Amerikanern kollaborieren, ist köstlicher als das der Amerikaner selbst", hieß es auf einem am Donnerstag - dem schwarzen Donnerstag, an dem rund hundert Tote gezählt wurden, offiziell - aufgetauchten Flugblatt in Baakuba. Tatsächlich ist die Zahl der nicht nur bei Anschlägen, sondern auch individuell getöteten Iraker und Irakerinnen zuletzt stetig gestiegen.

Wobei der genaue Beobachter (oder besser, der mit genauen Informationen versehene) mit Schrecken wahrnimmt, dass es bei der Gewalt im Irak schon um viel mehr geht als "nur" um den Kampf gegen die Besatzung und gegen deren Helfer, inländische und ausländische. Sunnitische Mudjahedin gehen besonders in den gemischten, das heißt den halb schiitischen Gebieten gegen Schiiten vor, nur um deren Familien im Kampf zu involvieren, nicht nur gegen die Besatzung, sondern auch gegen die Sunniten. Die Namen von unpolitischen friedlichen Bauern tauchen auf Todeslisten auf. Es soll nicht mehr möglich sein, sich herauszuhalten, für niemanden mehr. Da geht es um nichts anderes als um das Bemühen, einen Bürgerkrieg loszubrechen.

Die Stadt Falluja, ein Symbol des US-Scheiterns - politisch und auch militärisch - im Irak, ist zum Proliferationszentrum von Islamisten geworden, die versuchen, Taliban-ähnliche Verhältnisse herbeizuführen. In einem Ort in der Nähe haben sie vor ein paar Tagen einem Barbier die Kehle durchgeschnitten, der gegen ihr Verbot weiter in seinem Geschäft seine Kunden rasierte.

Dass diesen Islamisten die Auseinandersetzung mit den Schiiten ebenso wichtig ist wie der Kampf gegen die Besatzung, zeigt auch folgende Begebenheit: Die schiitischen Begleiter einer Lieferung humanitärer Güter, nach Falluja geschickt vom radikalen Schiitenführer Muktada al-Sadr, wurden vorige Woche sofort nach ihrer Ankunft ermordet. Sogar die Allianz der radikalen Ränder wird aufgegeben, um das Land im Chaos zu versenken. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26./27.6.2004)

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